Alle Artikel in: Kolumnen

Notenschluss

Das alte Jahr ist vorbei. Weihnachten ist vorbei. Der Januar ist auch schon wieder vorbei. Und nun nähert sich auch schon das Ende des ersten Schulhalbjahres. Die Schüler*innen waren gerade noch glücklich über ihre in Erfüllung gegangen Wünsche unter dem Weihnachtsbaum, sie haben munter ins neue Jahr gefeiert, keinen winzigkleinen Gedanken an Schule verschwendet und schon hallt es fürchterlich in ihren Ohren: NOTENSCHLUSS. Hallo Realität. Hallo Halbjahreszeugnisse. Auch für die Lehrerinnen unter uns kommt dieser Notenschluss immer wieder überraschend. Müsste da nicht noch eine Klassenarbeit geschrieben werden und vielleicht noch die ein oder andere mündliche Note erteilt werden. Sind die Noten wirklich fair? Diese Zeit ist eh schon stressig. Notenkonferenzen hier. Zeugnisse schreiben da, so muss man auch noch jedem einzelnen Schüler und Schülerin verschiedene Kopfnoten eintragen. Auch eine Mitarbeitsnote für die Stillen, die sich vielleicht zwei Mal gemeldet haben, aber sonst immer alles richtig und schnell gemacht haben und dem Rüpel mit dem weichen Herz, der im Einzelgespräch doch echt ein netter Kerl ist, aber zu Hause einfach alles ein bisschen durcheinander geht. Auch …

Plus eins. Wie es in Leipzig ist, ein Kind zu bekommen.

Zwischen dem 31.12.2018 und 31.12.2019 hatte Leipzig einen Bevölkerungszuwachs von etwa 5.000 Personen zu verzeichnen. Dazu gehören natürlich auch mein Freund und ich. Der für uns wichtigste Neu-Leipziger kam dann allerdings erst ein paar Wochen später dazu. Anfang Juni waren die Küche aufgebaut, die Schränke eingeräumt, das Internet angeschlossen und wir bereit für unseren neuen Mitbewohner. Gern würde ich an dieser Stelle einfügen, dass es nur noch ein paar Wehen brauchte, um unsere Familie zu ergänzen. Ganz so einfach ist es aber leider nicht, in Leipzig ein Kind zu bekommen. Auf meiner gefühlt niemals endenden To-Do-Liste zum Umzug waren noch die Punkte Treffen mit Hebamme, Kinderarzt und Krankenhaus als super wichtig markiert. Und das brauch ich wahrscheinlich niemandem zu erzählen: das sind nicht nur super wichtige Erledigungen sondern auf der Schwierigkeitsskala von 1 bis 10 eine dicke fette 11. Die unmögliche Suche Natürlich hatte ich vom Hebammenmangel in Deutschland gehört. Natürlich war ich auf eine längere Suche vorbereitet. Natürlich wusste ich, dass es schwierig werden würde. Aber so? Beim Wettlauf um eine Hebamme hab ich …

Mein Vorsatz? Keine Vorsätze!

Mein Baby, der Kinderwagen und ich ruckeln durch das regengraue Rosental. Wir sind nicht die einzigen, die es bei diesem miesen Januarwetter vor die Tür treibt. Zahlreiche Sportler tummeln sich im Park, viel mehr als sonst. Einen Moment stutze ich, doch dann fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Das sind Gute-Vorsätze-Menschen. Im Januar haben die Hochkonjunktur und mit ihnen die Diät-Industrie, Fitnessstudios, Nikotinpflaster und Co.   Dieses Jahr mach ich da nicht mit. Vorsatz-Boykott! Und das, obwohl ich sehr genau weiß, dass es bei mir einiges zu optimieren gebe.   Nehmen wir nur mal diesen Tag. Ich bin heute Morgen kurz vor knapp aus dem kuschligen Bett gestiegen. Ich hätte den Tag auch in aller Ruhe, mit einer Meditation, 20 Sonnengrüßen und einer dieser hippen Kurkuma-Lattes beginnen können. Stattdessen schlaf ich solang mich die Minis lassen und mach mir lieber nen starken Kaffee. Auf dem Weg in die Küche kommt mir ein Rudel Wollmäuse entgegen. Wollmäuse – müsst ihr wissen– sind Herdentiere. Ich hätte mir vornehmen können den Haushalt besser in den Griff …

Von einer, die auszog

Über das Ankommen und zurechtfinden in der neuen Heimat. Das ist doch ein vielversprechender Beginn für jede Abenteuergeschichte: „von einer, die auszog“. Und während im Original im Märchen der Gebrüder Grimm ein Aufbruch stattfindet, um das Fürchten zu lernen, ist es in der Realität doch so, dass ein Auszug oder Umzug ein neues (und oft auch besseres) Leben bringen soll. So bin ich zum Beispiel nach dem Abitur von zu Hause aus und nach Australien für ein Jahr Work & Travel gezogen. Danach haben mein erster Freund und ich uns eine Wohnung zusammen gesucht. Während des Studiums in Berlin habe ich dann in einer WG gewohnt und bin von dort allein in eine 135-Quadratmeter große Wohnung in Kiew gewechselt. Ein Neuling auf dem Wohnungssuchmarkt bin ich also nicht. Für den Umzug nach Leipzig gab es aber eine neue Challenge: innerhalb von vier Tagen nach Ostern zu zweit eine Wohnung suchen, in der wir dann zu dritt als Familie wohnen werden und in einer Stadt, die ich vorher nur besucht hatte. Okay. Challenge accepted.   Jeder, …

Frau Eff schreibt von heimlichen Klopapierrollen und einem Wein aus der Unstrut

Frau Eff ist im fünften Jahr Vollzeitlehrerin. Seit einem Schuljahr an einer Oberschule im Leipziger Osten. Zwischen kaugummikauenden Möchtegerngangstern und schüchternen Mauerblümchen versucht sie die deutsche Sprache anschaulich an den Teenager zu bringen und nebenher in Ethik die Welt ins Klassenzimmer zu holen. Das gelingt mal mehr und mal weniger gut. Sie mag es, wenn ihre Schülerinnen außerhalb der Konvention denken und unpopuläre Antworten geben und wenn sie ihr ihre Problemchen anvertrauen. Da kann sie sehr sehr ernste Tipps geben. Immer. Ab und zu akzeptiert sie auch mal ziemlich absurde Ausreden, weswegen die Hausaufgaben wieder nicht gemacht werden konnten. Ganz selten natürlich, aber passiert. Dafür mag sie es nicht, wenn der Kaugummi laut und mit offenem Mund gekaut wird und vor der ersten Stunde eine Schlange aus Kollegen am Kopierer steht und sie deshalb vielleicht manchmal ein-zwei Minütchenen zu spät zum Unterricht kommt. Aber pssst. In den Pausen trinkt sie – wie das Klischee es beschreibt – liebend gern Kaffee und wird auf den Gängen manchmal mit Schülerinnen verwechselt. Vor allem von Referendaren. Aber sie …

Dezembergrau

Der Tag beginnt schleppend. Zwischen jammerndem Kleinkind und kämpfendem Kitakind ist alles dabei- auch in mir. Der Blick ins Nebelige versagt mir den orientierenden Horizont und verschluckt meine Kraft zusehens. Ich habe den Tag voller Erledigungen im Kopf, die doch durchkreuzt werden vom realen Alltag. Eine falsche Socke löst in meinem Kind eine Krise aus und während ich durch das Fenster seufzend ins Grau schaue, um mich zu sammeln, bekommt das Dezembergrau eine neue Nuance: Es lädt mich ein. das planvolle Abarbeiten meiner inneren Listen loszulassen und heute auch aufzugeben nach dem entfernten Horizont zu schielen. Dafür ist heute kein Raum. Heute darf ich mich ins Tasten und langsam sein hineingeben. Während die Socke doch an den Fuß meines Kindes wandert, werfe ich dem in Watte gehüllten diffusen Licht ein Lächeln zu. Der Dezember ist zum Spüren und Achtsam sein wie geschaffen.   Mal ganz anders Eltern und Kinder agieren manchmal wie ein geübter Schauspieler eines spannenden Theaterstückes. Oft ist das gut, um im Straßenverkehr oder bei Konzerten nicht viele Worte zu benötigen. Ich erreiche …

Zurück dann mit Übergepäck – Über das Ankommen und Zurechtfinden in der neuen alten Heimat.

Da saß ich nun in der schwarz-weiß gefliesten Küche unserer neuen Wohnung in Altlindenau auf dem Boden, Stühle gab es schließlich noch keine. Neben mir die IKEA-Anleitung für die neue Küche, vor mir der kugelrunde Bauch einer Schwangeren im neunten Monat. Und im Kopf kreisten die Gedanken. Wann kommen wohl die Möbel an? Und lernen wir unser Baby pünktlich zum Entbindungstermin kennen? Wie genau funktioniert das nochmal mit der Anmeldung beim Einwohnermeldeamt und wann genau wollte die Hebamme kommen? Und was kostet nochmal ein Ticket für die Straßenbahn? Zurückblickend muss ich sagen: das war auch alles ein bisschen viel auf einmal. Einen Umzug von Kiew nach Leipzig zu planen und das nur fünf Wochen vor der bevorstehenden Geburt meines ersten Kindes. Klar, ich habe gegenüber vielen anderen Zugezogenen den Vorteil, dass das nicht mein erster Umzug war. Aber den letzten habe ich aus beruflichen Gründen aus einem WG-Zimmer in Berlin als Single angetreten und zurück komme ich nun mit meinem Freund, der bisher nur einmal zu Besuch in Deutschland war, und einem kleinen Baby im …

Vom Einzelkind zum großen Bruder. Oder, die Angst davor die Liebe teilen zu müssen.

Da liege ich in unserem großen neuen Bett und die Tränen laufen mir in Sturzbächen über das Gesicht. Dicht an mich gekuschelt liegt mein Babymädchen, 5 Tage alt. Meilenweit von mir entfernt liegt mein großer Junge. 3 Jahre alt, seit 5 Tagen großer Bruder. Was habe ich diesen Moment gefürchtet, wenn meine Nummer 1 plötzlich merkt, dass da ein neuer Mensch in unserem Leben ist. Ein kleines Wesen, das ihn zum großen Bruder macht, wegen dem er den Status Einzelkind verliert. „Wenn der Mini seine Schwester zum ersten mal sieht, das ist ein magischer Moment!“, schwärmen mir Freundinnen vor. „Das musst du unbedingt für die Ewigkeit festhalten.“ Und die Realität? Der Mini kommt ins Krankenhaus, freut sich tierisch mich zu sehen. „Willst du deine Babyschwester mal sehen“, gurre ich? „Nein danke, hab schon!“ Gut, das Kamerateam kann ich nach Hause schicken. Doch versetze ich mich in die Lage meines kleinen Lausbuben, dann wird mir die Tragweite der neuen Situation bewusst. Zwischen mich und den Mini passt kein Blatt. Mein sensibler, lustiger und lebensfroher kleiner Blondschopf. …