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Corona: 96 Tage „nur wir und ein paar ausgewählte Andere“

18.06.2020

 

 

Diesen Text hier sollte es nicht geben. Eigentlich hab ich nämlich gar keine Zeit dafür.

 

Diesen Satz habe ich vor genau drei Monaten geschrieben. 96 Tage ist das her. Und diese Zeit wird in die Geschichte eingehen. Als die Zeit der Pandemie in Deutschland, Europa und der Welt. Als die Zeit der Kontaktbeschränkungen. Als die Zeit, in der ich jeden Tag den Liveticker gelesen habe. Als die Zeit in der Reisen plötzlich nicht mehr möglich war. Als die Zeit, in der Geschäfte, Cafés und Selbstständige um ihre Existenz bangen mussten oder diese verloren haben. Als die Zeit, in der Familien enger aneinander gerückt sind, oft auch zu eng. Als Zeit, in der Schulen und Kindergärten von einem Tag zum nächsten geschlossen waren. Als Zeit, in der Stunden, Tage und Wochen plötzlich langsamer vergangen sind. Und rückblickend doch irgendwie verflogen sind.

 

Wenn ich mich versuche an die Zeit vor Corona zu erinnern, fällt das irgendwie schwer. Was genau war eigentlich anders? Und was hat sich nur anders angefühlt? Auch fällt der Vergleich schwer, denn schließlich liegen nicht nur drei Monate dazwischen, sondern auch zwanzig Grad Celsius. Den Frühling haben wir einfach übersprungen. Dafür dürfen wir den Sommer jetzt wieder mit Freunden und Familie verbringen. Und dürfen unsere Freiheit genießen. Dabei müssen wir nur im Hinterkopf behalten, dass es noch immer jeden Tag über 300 Neuinfektionen in Deutschland gibt. Und jeden Tag infizierte Menschen sterben. Und weltweit gesehen noch lange keine Besserung in Sicht ist.

 

Diesen Text hier sollte es nicht geben. Eigentlich hab ich nämlich gar keine Zeit dafür.

 

Tatsächlich führte für mich die Rückkehr zur Normalität wieder dazu, dass es mir an Zeit fehlt, meine Gedanken zum Thema Corona zu sortieren und aufzuschreiben. Nach drei Monaten den Pauseknopf gedrückt zu halten, muss ich jetzt ein bisschen vorspulen, um wieder an der richtigen Stelle zu sein. In nur wenigen Tagen werde ich mit meiner Familie in ein anderes EU-Land ziehen. Und neben all den organisatorischen Aufgaben, die ein Umzug mit sich bringt, sind natürlich auch viele Abschiede zu feiern. Der Abschied von Leipzig, der Abschied von diesem Tagebuch, der Abschied von unserer ersten gemeinsamen Wohnung als Familie, der Abschied von Freunden und Familie.

 

Und ich könnte nicht froher sein, dass es jetzt auch offiziell erlaubt ist, alle noch einmal in den Arm zu nehmen und nicht nur aus einem 1,5-Meter-Abstand winken zu dürfen.

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