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Corona Tagebuch: Eine Woche „nur wir“

24.04.2020 – 41 Tage „nur wir“

 

41 Tage sind wir nun nur zu dritt gewesen. Das letzte Mal, dass ich so lange fast niemanden getroffen habe, war im Wochenbett. Das habe ich mir damals ganz für uns als Familie reserviert. Was auffällt an diesem Vergleich: während in Deutschland das Wochenbett acht Wochen dauern soll, sind es in der Türkei genau 40 Tage. Etymologisch stammt das Wort „Quarantäne“ aus dem Lateinischen und bedeutet genau das, nämlich „Vierzig“.

 

So, unsere 40 Tage sind nun um, unsere Isolation leider noch nicht. Und zusätzlich zu den fehlenden sozialen Kontakten, sehe ich nun nicht einmal mehr, ob mich die Verkäufer im Supermarkt anlächeln. Oder die anderen Kunden, wenn ich warte, damit sie mit Abstand an mir vorbeigehen können. Denn seit dieser Woche gibt es eine Maskenpflicht in Sachen. Also habe ich am Montag zum ersten Mal in meinem Leben einen Mundschutz getragen. Wir brauchten nämlich dringend neue Schuhe für meinen Sohn. Ich habe also meine Maske aufgesetzt. Nur ein Elternteil durfte das Geschäft betreten und mein Sohn sollte sich auf einen Stuhl setzen, der möglichst weit von dem anderen Kind im Laden stand. So weit so gut. Was mich allerdings irritiert hat, ist, dass die Verkäuferin von meinem Einjährigen verlangt hat, dass er einen Mundschutz aufsetzen soll. Ein Tuch über dem Mund? Ich war froh, dass er akzeptiert hat, dass ich so anders als sonst aussehe. Wir haben das probiert, war aber ungefähr so erfolgreich wie der Satz „bitte lass deine Mütze auf“, wenn ein Kleinkind dazu keine Lust hat. Fast schon ironisch war dann, dass die Verkäuferin mir Schuhe mit Schnürsenkeln empfohlen hat, damit er diese nicht selbständig auszieht. Tja. Glücklicherweise waren wir nach ein paar Minuten durch mit der Suche und konnten ohne Maske an die frische Luft gehen.

 

Trotzdem war es eine komische Erfahrung. Und als ich dann am gleichen Abend von meiner Freundin erfahren habe, dass eine Frau im Supermarkt ihr Vorwürfe gemacht hat, warum ihre einjährige Tochter keinen Mundschutz aufhat, machte sich mein ungutes Gefühl noch breiter. Ich habe also die Einschlafbegleitung dazu genutzt, nachzulesen und genau das hier ist der Wortlaut der Erklärung zur Verordnung des Landes Sachsen:

„Kinder müssen nur dann eine Mund-Naseabdeckung tragen, wenn sie dazu in der Lage sind. Wann ein Kind dazu in der Lage ist, entscheiden die Eltern.“ Verstöße sind im Übrigen nicht mit einem Bußgeld belegt. Vielleicht drucke ich mir das aus und nehme es das nächste Mal mit.

Ich hoffe aber natürlich, dass keiner vergisst, dass Kinder eben auch in der jetzigen Zeit noch kleine Menschen mit einer eigenen Meinung und mit einer besonders zu schützenden Freiheit sind.

Und ich hoffe auch, dass die Menschen nicht vergessen unter ihren Masken doch noch zu lächeln, auch wenn ich es vielleicht nicht sehen kann.

25.04.2020 – 42 Tage „nur wir“

 

Heute hat er mich wieder getroffen, dieser Gedanke, dieses Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt. Ich war auf dem Weg in den Supermarkt. Eigentlich ist das ein „Ausflug“ auf den ich mich freue, denn er gibt mir die Möglichkeit meinen Sohn auch mal wieder für ein paar Minuten zu vermissen. Auch sehe ich wieder andere Menschen, komme mal raus. Und grundsätzlich gehe ich gerne einkaufen. Aber heute auf der Fahrt kribbelte es schon in meiner Nase.

Und diesmal nicht vom Heuschnupfen. Ob es daran lag, dass so viele Menschen mit Mundschutz unterwegs waren. Oder an der Werbung im Radio, in der ein Mann für seine ältere Nachbarin einkauft. Oder weil heute eh schon die Stimmung den ganzen Morgen nicht so gut war. Oder weil ich zum ersten Mal die Maske getragen habe, die meine Schwester für mich genäht hat. Oder weil die Sonne nicht schien. Keine Ahnung. Auf jeden Fall war ich irgendwie emotional. Und das hat mich dann wirklich fast zum Weinen gebracht: die automatische Durchsage im Supermarkt, in der allen Menschen gedankt wird, die aktuell arbeiten müssen und vor allem den Menschen, die durch ihr Zuhausebleiben andere schützen. Oh man. Wenn mir vor ein paar Monaten einer gesagt hätte, dass mich das mal aus der Fassung bringt.

Und ich habe überlegt: warum? Warum rührt das mein Innerstes? Kennt ihr das Gefühl, wenn ein Turnier stattfindet oder eine Meisterschaft. Und es sich so großartig anfühlt, weil alle auf das gleiche Ziel hinarbeiten, gemeinsam, als Team? Und sich wildfremde Fans in die Arme fallen, weil außer dem Siegen oder Verlieren alles andere egal ist? Oder die Stimmung am Zieleinlauf eines Marathons, wenn alle gleich erschöpft sind, egal mit wie lange sie gebraucht haben und wo besonders Läufern im höheren Alter oder mit Kinderwagen besonders zugejubelt wird?

So, so hat sich das heute auch ein bisschen angefühlt. Alle stecken zusammen da drin, alle müssen mitwirken, alle sind gleich. So eine Verbundenheit kenne ich aus Deutschland aufgrund des fehlenden Patriotismus nicht, es sei denn es ist gerade Fußballweltmeisterschaft.

Unsere Masken sind unsere Trikots. Wir spielen jetzt alle für den gleichen Verein und auf das Finale hin. Ein paar Fangesänge und Anfeuerungsrufe sind also notwendig. Dann gehen auch die leiseren Stimmen der Proteste gegen die Maßnahmen unter.

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