Corona - Alltag, Elternschaft, Familie & Leben, Familienleben, Gastbeiträge
Schreibe einen Kommentar

Corona Tagebuch: Eine Woche „nur wir“

07.04.2020 – 25 Tage „nur wir“

Erwartungen, Vorfreude, Hoffnungen – ich bin mir nicht sicher, wie gut ich den medialen Umgang mit der Dauer der Beschränkungen finde. Auf der einen Seite brauchen wir alle für unsere mentale Gesundheit ein zeitliches Ziel, auf das wir hinarbeiten können. So im Sinne von „noch drei Wochen“, „Endspurt“ und „zwei Drittel sind schon geschafft“. Hilft beim Joggen und hilft eben auch beim Durchhalten einer Quarantäne. Auf der anderen Seite sind alle Maßnahmen nur vorläufig und es gibt nur ein Ende, wenn ein Impfstoff gefunden und für den Großteil der Bevölkerung genutzt wurde. Aktuell steht der 19. April 2020 als Ziellinie im Raum, vorher war von Anfang April die Rede. Was macht das mit den Menschen? Was macht das mit mir? Ich glaube, ich habe mich schon darauf eingestellt, dass es noch länger dauern wird. Vielleicht öffnen einige Läden wieder. Vielleicht sogar Kindergärten und Schulen. Aber eine Rückkehr zum Alltag kommt so schnell nicht wieder. Und darauf muss ich mich einstellen. So ist es für mich einfacher, meine Erwartungshaltung gering zu halten. Sonst kann diese eigentlich nur enttäuscht werden.

Ich setze mir also kleine Ziele für meine Vorfreude. Worauf ich mich morgen freue: die Osterdeko aus dem Keller holen und mit meinem Vati und meiner Oma telefonieren. Worauf ich mich diese Woche freue: Hefezopf für Ostern backen und nachmittags barfuß Eis auf dem Balkon zu essen. Worauf ich mich nächsten Monat freue: die Geburt meiner Nichte. Worauf ich mich nächstes Jahr freue: in der neuen Arbeit und in Amsterdam auch im Kopf angekommen zu sein.

Ich will damit natürlich nicht sagen, dass dieses Setzen von kleinen Zielen allen hilft. Man kann auch daran zerbrechen, kein großes Ganzes mehr vor sich sehen zu können. Aber ich bin absolut unbegabt in allen Ausdauersportarten und weiß, dass ich deswegen die Quarantänezeit eher wie einen Waldspaziergang (mit vielen Pausen) angehen muss und nicht wie einen Marathon.

 

 

10.04.2020 – 28 Tage „nur wir“

 

Mein Freund und ich haben einen besonderen Deal: einmal am Tag können wir dem anderen eine Frage stellen, die wir schon immer fragen wollten. Das ist ganz interessant, wenn man sich schon so viele Jahre kennt, weil es immer wieder neue Geschichten zum Vorschein bringt oder moralische und ethische Ansichten oder manchmal einfach nur tiefgründige Diskussionen entfacht. Diese Woche hat mich mein Freund folgendes gefragt: Wenn du dir ein bestimmtes Alter in deinem Leben aussuchen könntest, in welchem sich der Coronavirus verbreitet, welches würdest du wählen?

Puh, das waren wirklich mal viele Gedanken, die mir dazu durch den Kopf gegangen sind. Teilweise noch Tage später.

Zuerst habe ich gesagt: mit 50 Jahren. Als Beamte habe ich keine große Sorge um mein Einkommen. Mein Sohn wäre dann 20 Jahre alt. Dann habe ich aber gedacht, dass ich mit steigendem Alter natürlich auch immer näher an die Risikogruppe rücken würde. Und meine Eltern da dann schon lange drin wären.

Ich habe dann korrigiert auf: mit 31 Jahren. Das wäre letztes Jahr gewesen. Warum? Mit einem kleinen Baby verbringt man doch meist sowieso viel Zeit zu Hause oder geht spazieren. Auch besteht so eine Chance, dass das eigene Kind sich später nicht an die Sorgen und den fehlenden sozialen Kontakt erinnern wird. Jetzt gerade bricht es mir das Herz, wenn wir zum zehnten Mal am Tag spielen, dass wir Oma und Opa und die Tante anrufen (natürlich nachdem wir alle schon angerufen haben). Wenn alle Tiere und Figuren immer wieder auf den fiktiven Spielplatz in unserem Wohnzimmer zum Spielen gehen. Wenn bei jedem Kinderlachen, dass durch das Fenster kommt, ganz aufgeregt „Baby“ gerufen wird.

Mein größter Respekt gilt all den Eltern mit Schulkindern, älteren alleinstehen Menschen und denen, die jetzt an Arbeit ersticken. An diese Personen hab ich ganz fest gedacht, als ich alle Altersgruppen und Lebensentwürfe durchgespielt habe, um die „Frage des Tages“ zu beantworten. Vor allen an meine Freunde, deren Tochter nur wenig älter ist als mein Sohn und die nachts aufwacht und sagt: „alle Spielplätze sind zu, alle Kinder sind krank.“ Und nein, natürlich gibt es kein bestes Alter für einen solchen Ausnahmezustand, wie den, den wir gerade erleben. Ich würde uns allen wünschen, dass es nie dazu gekommen wäre. Aber ich hoffe, dass vor allem unsere Kinder resilient genug sind, um diese Situation unbeschadet durchzustehen. Und wir uns dann vielleicht an ihrer Phantasie ein Vorbild nehmen können und vielleicht auf dem Balkon unseren Sommerurlaub durchleben und lange E-Mails an unsere Freunde schreiben und uns die Gespräche vorstellen, die wir bei einem Treffen gehabt hätten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.