Corona - Alltag, Familie & Leben, Familienleben, Gastbeiträge
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Corona Tagebuch: Eine Woche „nur wir“

Unsere Kolumnistin Christin schreibt direkt aus Leipzig:

Christin ist mit Mann und Baby im Bauch im Mai 2018 von Kiew nach Leipzig gezogen. Während sie beruflich alle paar Jahre versetzt wird, ist Leipzig jetzt gerade ihre Wahlheimat auf Zeit. Was sie außer ihrem Wohnort sonst noch so wählt: Süßes statt Salzigem, heiße statt kalte Dusche und Minimalismus statt Konsum.

03.04.2020 – 21 Tage „nur wir“

 

Gerade wird wahrscheinlich so oft wie nie darüber geschrieben und gesprochen, welche große Aufgabe es ist, den Haushalt zu führen, die Kinder zu betreuen und dann auch gleichzeitig noch zu arbeiten. Und das ist so ein wichtiges Thema, dass es längst überfällig ist, dass dieses jetzt mal in den Vordergrund gerückt wird und vielleicht auch zu einer Debatte zur angemessenen Entlohnung der Carearbeit führt. Denn wenn ich zusammenrechnen würde, was ich heute bereits verdient habe sähe das wie folgt aus:

 

Ich war Köchin und habe das Frühstück serviert, ich war Reinigungsfachkraft und habe gestaubsaugt und den Müll rausgebracht, ich war Zimmermädchen und habe die Bettwäsche gewechselt, ich war Mitarbeiterin in einer Reinigung und habe die Wäsche gewaschen, ich war Kindergärtnerin und habe meinen Sohn angezogen und ihm die Zähne geputzt, ich war Babysitterin/Animateurin und habe mit ihm gespielt, gesungen, getanzt und habe ihm Bücher vorgelesen, ich war Gewichtheberin als er in die Luft geworfen werden wollte, ich war Verwaltungsangestellte als ich unsere Krankenversicherung abgerechnet habe, ich war Sekretärin als ich den Internetvertrag verlängert habe. Und jetzt habe ich Mittagspause.

 

Und in meiner Pause denke ich an all diejenigen, die jetzt allein zu Hause sind. Weil sie zur Risikogruppe gehören. Weil sie keinen Partner haben. Weil sie sich an die Vorschriften halten.

 

Erst vor ein paar Tagen noch hätte ich gerne meinen jetzigen Alltag mit dem eines Singles, der auch noch aufgrund der Krise aktuell keine Arbeit hat, getauscht. Doch dann kam der Anruf eines Freundes, der sagte, dass er allein zu Hause fast durchdreht. Und ja: je länger die Maßnahmen zur Distanzierung dauern, desto schwieriger wird es für diese Gruppe Menschen. Die Wohnung ist aufgeräumt, Essen für zwei Wochen eingekauft, drei Serien auf Netflix bereits durchgeschaut, Steuererklärung ist gemacht. Da gibt es nicht mehr viel zu tun. Und dazu dann die Sorgen um Arbeit, Familie und Weltschmerz. Da helfen auch keine Vorschläge wie „lern doch eine Sprache“ oder „such dir ein neues Hobby“. Nein. Da hilft nur in den Familienalltag auch noch die Arbeit als IT-Techniker einzubauen und Telefonkonferenzen zu schalten und so den Kontakt nicht zu verlieren!

04.04.2020 – 22 Tage nur wir

 

Damals als du klein warst, da gab es im Supermarkt fast nie Bananen zu kaufen. Reisen konnten wir nur in wenige Ländern im Osten. Einen großen Teil der Familie konnten wir nicht besuchen.

 

Damals als du noch klein warst, da gab es im Supermarkt fast nie Klopapier zu kaufen. Reisen konnten wir nur noch in wenige Länder. Einen großen Teil der Familie konnten wir nicht besuchen.

 

Ich hoffe so sehr, dass die letztere eine Geschichte sein wird, die ich meinem Jungen irgendwann mal erzählen kann und sie wird für ihn so abstrakt wirken, dass er sich das gar nicht vorstellen kann, so wie es mir mit der Zeit in der DDR geht. Und ich hoffe, dass diese Geschichte eine so kurze sein wird, dass er sich nicht daran erinnern kann und offen auf Menschen zugeht und diese nicht nur auf einen Zweimeterabstand an sich heran lässt. Ich wünsche ihm ein Leben wie im Wimmelbuch: bunt, voll, überall was los!

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