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Corona Tagebuch: 30.03.2020 – Eine Woche „nur wir

Unsere Kolumnistin Christin schreibt direkt aus Leipzig:

Christin ist mit Mann und Baby im Bauch im Mai 2018 von Kiew nach Leipzig gezogen. Während sie beruflich alle paar Jahre versetzt wird, ist Leipzig jetzt gerade ihre Wahlheimat auf Zeit. Was sie außer ihrem Wohnort sonst noch so wählt: Süßes statt Salzigem, heiße statt kalte Dusche und Minimalismus statt Konsum.

 

24.03.2020 – 11. Tag „nur wir“

Oh, wie bin ich froh über dieses kleine Tagebuch, was ich jetzt gerade führe. Nicht nur, weil ich hier meine vielen Gedanken sammeln kann, sondern auch, weil dies irgendwie gerade der einzige Anlass ist, zu dem ich mal in den Kalender schaue. Jeder Tag ist doch jetzt ein Sonntag: keine Termine, keine Einkäufe, keine Besuche, keine Geburtstagsfeiern. Und das auch nicht in naher Zukunft. Irgendwie vergeht die Zeit nicht, weil jeder Tag gleich ist. Irgendwie vergeht die Zeit so schnell und ich trauere all den Tagen nach, in denen ich meine Freunde und Familie nicht sehen konnte, wissend, dass ich ganz bald schon wieder weit weg wohnen werde. Urlaube wurden gecancelt, Besuche abgesagt, Hochzeiten verschoben. Und es fällt mir zunehmend schwerer ein Gefühl für Zeit zu behalten, weil ich keinen Countdown habe, den ich runter zählen kann. Auf der anderen Seite habe ich mich irgendwie mit dieser Situation angefreundet und genieße die Freiheit eines leeren Kalenders mit langen Frühstücken und DIY-Projekten.

 

Und heute waren wir als Familie das erste Mal seit x-Tagen (das letzte Mal war irgendwann letzte Woche – fühlt sich jedoch an wie in einem anderen Leben) wieder zu dritt draußen. Das Wetter war wunderbar und die Luft so frisch wie lange nicht. Denke das nur ich? Spielt mir mein Gehirn da vielleicht aufgrund der Isolation einen Streich oder ist das schon eine Auswirkung des geringen Flug- und Straßenverkehrs? Auf jeden Fall war es ein ganz wunderbares Sonntagsspaziergang an einem Dienstag, allerdings hatte ich die ganze Zeit dieses komische Bauchgefühl, dass irgendwas nicht stimmt. So ähnlich wie dieses Gefühl, wenn man sich sicher ist, etwas vergessen zu haben, aber nicht weiß, was. Oder wie wenn man einen Gruselfilm schaut und weiß, gleich passiert was. Schon seltsam, dass sich dieses Grummeln in meinen Bauch eingeschlichen hat, obwohl die Sonne ihr bestes gegeben hat, überall im Wald Blumen wachsen und der Wind den Geruch des Bärlauchs um meine Nase geweht hat. Und ist es nicht auch total bizarr, dass jeder andere Spaziergänger im gleichen Boot sitzt und aber auch „den Feind“ in sich tragen kann und jeder um jeden einen großen Bogen macht? Um so wichtiger ist es mir da gewesen, jeden mit einem Lächeln zu grüßen. Und mich daran zu freuen, dass mein Sohn keine Ahnung hat, was gerade vor sich geht und sich so sehr über Kleinigkeiten wie umgestürzte Bäume freut. Er hat übrigens nie einen Kalender. Auch nicht n den Zeiten vor Corona. Für ihn ist schon ein Leben lang immer Sonntag. Und er kommt damit echt gut klar, also kann ich das auch!

 

26.03.2020 – 13. Tag „nur wir“

 

Liebes Tagebuch, heute war ein doofer Tag, deine Christin.

 

Mehr gibt es eigentlich auch nicht zu sagen. Auch wenn ich ein bisschen selbst Schuld an dieser Misere bin. Leider ist eine meiner am wenigsten ausgeprägten Eigenschaften Spontanität. Es ist mir unglaublich wichtig, Veranstaltungen, Reisen, Mahlzeiten und meinen Alltag zu planen, zu organisieren und einfach zu wissen, was auf mich zukommt. Das verschafft mir Sicherheit und Struktur und so vermeide ich, dass ich mir selbst Stress mache. Tja, jetzt ratet mal, für welche Eigenschaft grad so gar kein Platz in einer Zeit ist, in der staatliche Regelungen „bis auf weiteres“ oder „für mindestens zwei Wochen“ gelten. Ding, ding, ding, Jackpot.

 

Wenn es nur um Urlaubspläne ginge oder Hochzeitseinladungen oder Besuche oder Festivals, okay, das wäre schwierig für mich, aber Absagen ist ja auch eine Art von Planung. Aber meine Situation beinhaltet einen Umzug. Ins Ausland. Mit Familie. Ich stehe jetzt also zwischen meinem zukünftigen Arbeitgeber, meinem aktuellen Vermieter, der Spedition, der Maklerin, dem neuen Kindergarten und alle Verträge und Pläne sind vorerst auf Eis gelegt. Alle einzelnen Bestandteile des Umzuges sind zusammengefallen wie ein Turm aus Bauklötzen. Alle warten darauf, dass ich ihnen sage, wann und wie und wo. Und ich weiß es doch selbst nicht. Und vor allem weiß ich nicht, wann ich es weiß. Und das zermürbt mich. Und als dann heute noch die Absage einer alternativen Möglichkeit kam, da hat es mich nicht nur zermürbt, sondern richtig überrollt. Meine Laune ist schlagartig in tiefste Tiefen gesunken und ich hatte Lust, einfach alles hinzuschmeißen. Noch ein Jahr Elternzeit zu machen, um nicht umziehen zu müssen. Oder einfach alles um ein paar Monate zu verschieben. Aber ich weiß auch, dass mich das nicht wirklich entlasten wird, weil ich dann einfach die gesamte Planung noch einmal von vorne beginnen muss.

 

Oh, wie sehr würde ich mir jetzt wünschen, einfach abwarten zu können und darauf zu vertrauen, dass alles gut wird. Kann ich leider nicht so gut. Stattdessen habe ich meiner Freundin, die in einer ähnlichen Situation ist, geschrieben. Das war eine gute Idee. Ich fühle mich ein bisschen leichter und kann jetzt meinen Tagebucheintrag von heute ändern und schreiben:

 

Liebes Tagebuch, heute war nicht so ein guter Tag, aber Katharina sagt: „allet wird jut“, deine Christin.

 

28.03.2020 – 15. Tag nur wir

 

Müsste, könnte, sollte, wollte. Der Konjunktiv hat gerade Konjunktur. Die grammatische Möglichkeitsform des Konjunktiv wird unter anderem benutzt, wenn man etwas ausdrücken möchte, dass unmöglich oder unwahrscheinlich ist.

 

Eigentlich „sollte“ ich jetzt in der Türkei sein. Dort „würde“ ich jetzt auf dem Sofa sitzen, ich „könnte“ einen Tee trinken und meinem Sohn zuschauen, wie er mit seinen Großeltern, seinen Tanten und seinen Cousins und Cousinen spielen „würde“.

 

Ist selbsterklärend, warum uns das gerade nicht möglich ist, klar. Und irgendwie ist es auch keine andere Situation als die der vielen Familien, die sich gerade nicht besuchen können. Für manche ist die Barriere zwischen den einzelnen Familienmitliedern die freiwillige Isolation, für andere ist es die sowieso schon bestehende geographische Distanz. Und während mit Ende des Kontaktverbotes die erste Gruppe wieder Kontakt aufnehmen kann, ist das für die zweite Gruppe vermutlich vorerst nicht möglich. Wer weiß, wann die Grenzen wieder geöffnet werden. Wer weiß, wann die Airlines wieder Flüge anbieten. Wer weiß, wann diese Pandemie in anderen Ländern ihren Höhepunkt erreichen wird.

 

Ich weiß nur, dass noch viel Zeit verstreichen muss, bis ich in Istanbul auf dem Sofa sitzend meinen Tee trinken kann. Und dass der Konjunktiv noch eine ganze Weile Konjunktur haben wird.

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