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Corona Tagebuch: 20.03.2020 – Eine Woche „nur wir“

Unsere Kolumnistin Christin schreibt direkt aus Leipzig:

Christin ist mit Mann und Baby im Bauch im Mai 2018 von Kiew nach Leipzig gezogen. Während sie beruflich alle paar Jahre versetzt wird, ist Leipzig jetzt gerade ihre Wahlheimat auf Zeit. Was sie außer ihrem Wohnort sonst noch so wählt: Süßes statt Salzigem, heiße statt kalte Dusche und Minimalismus statt Konsum.

Diesen Text hier sollte es nicht geben. Eigentlich hab ich nämlich gar keine Zeit dafür. Mein Sohn schläft nur noch wenig, sein Papa arbeitet so viel und abends funktioniert mein Kopf nicht mehr gut genug, um zusammenhängende Sätze zu produzieren und zu Papier zu bringen. Dieser Text ist aber da. Weil ich Zeit habe. Weil ich so viel denke und aussprechen möchte. Weil gerade eine Ausnahmesituation in unser aller Leben getreten ist.

 

Was hat sich für uns in den letzten Tagen geändert? Eigentlich gar nicht so viel. Ich bin weiterhin in Elternzeit mit meinem Sohn zu Hause. Mein Freund hat weiterhin ein Unternehmen, was ihm erlaubt, von zu Hause zu arbeiten. Wir gehen nachmittags manchmal in den Wald und versuchen den Rest des Tages mit Malen und Versteckenspielen, Kochen und Backen, mit dem Bauen von Türmen und Tunneln und Höhlen zu verbringen. Das ist aber nur die Oberfläche. Denn wenn man genau hinsieht, checken wir unsere Smartphones so viel öfter, um die aktuellen Nachrichten zu lesen, wir gehen nicht mehr auf den Spielplatz, wir haben das Treffen mit meiner Mama am Wochenende abgesagt, mein Freund arbeitet nicht, weil er im Tourismus arbeite und keinerlei Aufträge und damit keinerlei Einkommen mehr hat. Und wir diskutieren so viel über moralische und politische Fragen, wie noch nie in unserer Beziehung. Hier sehe ich allerdings eine Knospe Hoffnung: ich habe seit Wochen, vielleicht seit Monaten, nicht so viele und so tiefe Gespräche mit meinen Freund geführt, wie jetzt. Und auch wenn wir oft nicht einer Meinung sind, was Maßnahmen oder Vorkehrungen angeht, so bringt uns das doch viel näher. Und unser Sohn genießt die exklusive Zeit mit uns offensichtlich.

 

Trotzdem bleibt dieses unterschwellige Bauchgrummeln. Dieses Gefühl, dass man die Zukunft sehen kann, die aber eine düstere Aussicht bietet und das Gefühl, dass alles, was man kennt, was man gewohnt ist, was man liebt, vergehen könnte. Auf längere Zeit. Erst vor ein paar Stunden habe ich erfahren, dass Freunde ihre Hochzeit im Mai um ein ganzes Jahr verschoben haben. Darauf habe ich mich so sehr gefreut. Ein altes Schloss, drei Tage Feierlichkeiten, Freunde aus Kiew wiedersehen … Aber ich hab mich auch gleich wieder zusammengerissen und ein Wort, welches ich in den letzten Tagen so oft gesagt habe, ist mir in den Kopf geschossen. Privilegiert. Wir sind aktuell so sehr privilegiert. Wir mussten Flüge canceln. Sehen die Familie für ein paar Wochen nicht. Uns fehlt ein Einkommen. Okay. Damit komm ich klar. Andere stehen am Rande ihrer Existenz. Dürfen nicht mit in den Kreißsaal zu ihrer Frau. Erkranken schwer, sterben. Und daher will ich nicht weiter ausführen, wo meine Hürden jetzt liegen.

 

Denn dieser Text sollte hier nicht stehen. Nicht nur für mich, sondern für alle. Und damit niemals ein Text geschrieben werden muss, der ein dunkles und trauriges Stück Geschichte beleuchtet: bleibt zu Hause.


 

Heute morgen habe ich mich gefragt, was wohl das Wort und Unwort das Jahres 2020 wird. Mein Wort des Tages habe ich tatsächlich bereits gekürt: Lagerkoller. Schon direkt nach dem Frühstück stand mein Sohn an der Haustür und rief „hui hui“, was Spielplatz bedeutet. Mit seinen 20 Monaten ist er noch zu klein, um zu verstehen, dass wir gerade nicht auf den Spielplatz gehen können. Das hat also zu vielen Tränen geführt. Zum Glück haben wir einen großen Balkon und das reichte dann auch für heute als Ablenkung. Aber wie es nächste Woche sein wird oder nächsten Monat, das kann ich nicht vorhersagen.

 

Ich gehöre übrigens ganz klar zu der Fraktion, die noch vor ein paar Tagen gesagt hat, dass es nicht zu einer Ausgangssperre kommen wird. Warum ich das gesagt habe? Nicht etwa, weil ich so große Hoffnungen in die Vernunft der anderen Menschen hatte oder weil ich blauäugig bin oder weil ich den Ernst der Lage verkannt habe. Nein, gar nicht. Vielmehr glaube ich so stark an unsere demokratischen Prinzipien. Auch in einer Situation wie dieser. In ihrer TV-Botschaft hat die Bundeskanzlerin davon gesprochen, dass Einschränkungen nur in der absoluten Notwendigkeit zu rechtfertigen sind. Das ist die einfache Formulierung für eine sehr komplexe rechtliche Situation. Wie und bis zu welchem Grad kann die im Grundgesetz verankerte Freizügigkeit überhaupt eingeschränkt werden? Solche Fragestellungen habe ich in meinem Studium zum Staatsrecht erörtert und bin deswegen von der Solidität unserer Grundrechte in Deutschland so sehr überzeugt. Jetzt zum ersten Mal in der Geschichte der deutschen Verfassung muss also diskutiert werden, ob es verhältnismäßig ist, die Freizügigkeit und damit die Bewegungsfreiheit einzuschränken. Aus rechtlicher Sicht super spannend, aus privater Sicht vielleicht angsteinflößend.

 

Aber was ich heute gelernt habe: auch so ein Lagerkoller kann spannende Ergebnisse liefern. Wir haben zusammen gestaubsaugt, in alten Fotoalben geblättert und ein neues Highlight geschaffen, welches mein Sohn mit den Worten „Mais-Topf-Poch Poch“ beschreibt: wir haben zusammen Popcorn gemacht! Das war nicht nur aufregend sondern auch lecker. Ich bin also optimistisch, dass wir mit unserem Maisvorrat auch die nächsten Wochen gut überbrücken können.

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