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Februar – Neue Stadt, neues Dorf

Die Schwangerschaft und das Muttersein haben mich wie ein Urknall zu einem neuen Hobby geführt: Blogs und Artikel über das Elternsein, über bedürfnisorientierte Erziehung, über erste Hilfe bei Schnupfen und Fieber, über Entwicklungssprünge, über das (Ab-)Stillen und über Spielideen für Babies und Kleinkinder.

Was sich da für eine neue Welt auftut, ich sag’s euch. Wenn ich also bei und nach der Einschlafbegleitung mal wieder auf Instagram in diesen Bann gezogen werde und einer Empfehlung nachgehe, lese ich super gerne die Kurzbeschreibung der Person, die hinter den Texten steht. In ein paar Worten und Zeichen muss sich da der Autor beschreiben, den natürlich viel mehr ausmacht als nur ein paar Zeilen. Manche fokussieren sich auf die Familienmitglieder, manche erwähnen ihr Lieblingsessen, manche nennen ihren Hochschulabschluss, einige sind faktenbasiert, andere witzig. Und dann irgendwann im Dunkeln neben meinem stillenden Baby hab ich gedacht: was bin ich eigentlich? Wer bin ich in 30 Zeichen?

Meine 32 Jahre in so ein kleines Format zu packen ist natürlich nicht einfach. Ich habe also überlegt, was so die Funfacts sind, die ich auf einer Party im Smalltalk mit einer mir noch fremden Person auf den Tisch packen würde. Diese Überlegung hat ein bisschen gedauert, weil meine letzte Party schon etwas länger her ist. Vermutlich war diese in meiner Schwangerschaft und damit vor fast zwei Jahren. Aber trotz Stilldemenz ist mir da was eingefallen. Zum einen ist es immer ganz witzig zu erzählen, dass ich Weinbau als Schulfach hatte. Ein anderer Fakt, der die meisten, die ich an meinen Wohnorten Dresden, Berlin, Budapest und Kiew so getroffen habe, ziemlich überrascht, ist, dass ich den längsten Teil meines Lebens in einem Dorf gewohnt habe. Und wir reden hier von einem richtigen Dorf. Knapp 200 Einwohner, kein Supermarkt, kein Bäcker, keine Tankstelle, kein Nichts. Der Schulbus fuhr einmal am Tag hin und dreimal am Tag zurück. Joa, ansonsten kann ich nichts weiter über meine Landidylle schreiben. Außer: dass ich das Stadtleben jetzt sehr genieße. Es war also keine wirkliche Frage, wohin wir in der Elternzeit ziehen würden. Leipzig war die einzige Stadt, die nah genug an meinen Eltern war und groß genug, um keine Langeweile aufkommen zu lassen. Als meine Oma davon gehört hat, konnte sie so gar nicht verstehen, warum wir Miete zahlen wollen, wenn wir doch umsonst bei ihr im Haus wohnen könnten. Und ja, dass hätte den großen Vorteil gehabt, dass mein Heimatdorf drei Einwohner mehr verzeichnen könnte und dass wir unser „Dorf“ im Sinne von Eltern und Großeltern und aufmerksamen Nachbarn sowie eine quasi verkehrslose Umgebung direkt vor der Tür gehabt hätten. Leider konnte das – zumindest für mich – nicht den Vorteil einer Infrastruktur mit Spielplätzen, Parks, Cafés, Restaurants, Supermärkten, Drogerien etc. aufwiegen.

 

So brachte der Umzug mit sich, dass wir uns unser eigenes Dorf schaffen mussten. Und das geht vielen neuen Eltern so, wenn man plötzlich mit Beginn der Zeit als Eltern die alten Freunde nicht mehr so oft trifft, weil diese tagsüber keine Zeit haben oder wenn man nur innerhalb der eigenen Stadt in eine neue und größere Wohnung zieht und die neuen Nachbarn noch gar nicht kennt.

 

Ich habe den Aufbau meines Dorfes schon im Wochenbett begonnen. Und zwar hab ich recherchiert: Spielgruppen, Babykurse, Müttertreffs und so weiter. So bin ich auch auf der Seite vom Mütterzentrum in Plagwitz gelandet. Dort war ich dann auch zuerst bei der Stillgruppe und später beim Pekip-Kurs. Wichtigste Erkenntnis: wenn man sich nicht gleich die Nummer von der netten Mami geben lässt, bereut man es später vielleicht. (Hier eine kleine Anekdote: Oder es klappt mit viel Glück doch, dass man sich nochmal zufällig trifft, weil Leipzig doch auch wieder nicht so groß ist und die „Mamaclans“ jeden ihresgleichen kennen.) Jetzt gehen mein Sohn und ich zur Spielgruppe im Mütterzentrum und es ist wirklich nicht viel anders als bei uns auf dem Dorf auf die Straße zu gehen: man kennt sich bereits, tauscht die neuesten Entwicklungen der Kinder und Partner aus, trifft sich auch mal zu Hause oder auf dem Spielplatz und kann an guten Tagen sogar mal allein auf Toilette gehen, weil das alternative „Dorf“ da ist und aufpasst.

 

Für ausgiebige Hobbies ist aber gerade noch nicht so viel Zeit, weil mein Sohn zu Hause betreut wird. Sollte ich doch irgendwann selbst einen eigenen Mamablog starten, hätte ich – dank der Zeit zum Nachdenken bei der Einschlafbegleitung oder beim Kinderwagenschieben –  zumindest schon einmal meine Kurzbiografie:

 

„Vom 200-Seelen-Dorf über Umwege nach Leipzig, mit Weinbau als Schulfach – gerade aber mit kleiner 1,5-jähriger süßer Traube zu Hause, so dass sie lieber Tee trinkt und Kaffee braucht.“

 

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