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Notenschluss

Das alte Jahr ist vorbei. Weihnachten ist vorbei. Der Januar ist auch schon wieder vorbei. Und nun nähert sich auch schon das Ende des ersten Schulhalbjahres.

Die Schüler*innen waren gerade noch glücklich über ihre in Erfüllung gegangen Wünsche unter dem Weihnachtsbaum, sie haben munter ins neue Jahr gefeiert, keinen winzigkleinen Gedanken an Schule verschwendet und schon hallt es fürchterlich in ihren Ohren: NOTENSCHLUSS. Hallo Realität. Hallo Halbjahreszeugnisse.
Auch für die Lehrerinnen unter uns kommt dieser Notenschluss immer wieder überraschend. Müsste da nicht noch eine Klassenarbeit geschrieben werden und vielleicht noch die ein oder andere mündliche Note erteilt werden. Sind die Noten wirklich fair?
Diese Zeit ist eh schon stressig. Notenkonferenzen hier. Zeugnisse schreiben da, so muss man auch noch jedem einzelnen Schüler und Schülerin verschiedene Kopfnoten eintragen. Auch eine Mitarbeitsnote für die Stillen, die sich vielleicht zwei Mal gemeldet haben, aber sonst immer alles richtig und schnell gemacht haben und dem Rüpel mit dem weichen Herz, der im Einzelgespräch doch echt ein netter Kerl ist, aber zu Hause einfach alles ein bisschen durcheinander geht. Auch der Quatschtante, die sich nur meldet, um zu reden, aber ja eigentlich nichts wirklich beizutragen hat. Ein ständiges Abwägen.
Dann mit den Gedanken wieder zuück zu einer zusätzlichen Kurzkontrolle. Eine besonders gut gemeinte, damit die Schüler eine Chance haben sich zu verbessern. Also eine ganz ganz einfache. So will ich sie jedenfalls ankündigen. Oder besser doch nicht, denn in Schülerohren heißt das wieder. Einfach = Ich muss nicht lernen. = Ich schaff das schon irgendwie.
Das Ende vom Lied wird wieder sein: Ups, warum habe ich jetzt doch ne schlechte Note bekommen?
Also kündige ich an, dass nur der Stoff der letzten drei Stunden geLERNT werden soll. Sollte doch machbar sein. Und wer aufgepasst hat, muss vielleicht auch gar nicht lernen. Aber das sage ich natürlich nicht.
Gesagt, gedacht, getan. Nun heißt es die Kontrolle vorbereiten, vierundzwanzig Mal kopieren, den Tag abwarten.
Währenddessen flattern Briefe von besorgten Eltern rein, die um Rückruf oder gleich ein persönliches Gespräch bitten. Also der Max hätte sich ja das ganze Halbjahr total angestrengt, wieso er da in dieser einen Klassenarbeit eine vier hatte und nun eben auf drei stünde, verstehe sie nicht. Und überhaupt war die Punkteverteilung in der letzten Leistungskontrolle ja mal völlig daneben, das müsse nochmal geprüft werden, denn ihr Max hätte doch in den letzten Jahren bei all den anderen Deutschlehrerinnen immer eine zwei gehabt. Immer. Und er wird ja total benachteiligt mit seiner LRS (Abkürzung für Lese- und Rechtschreibschwäche). Ob ich denn darüber Bescheid wisse und dass dem Max ja da Erleichterungen zustünden. Und so ganz generell: Ob da denn noch was mit der Note zu machen wäre. Schließlich muss sich der kleine Max ja vielleicht mit seinem Halbjahreszeugnis bewerben und in Deutsch mit einer vier oder gar einer fünf, das ginge nicht. Zumal er ja schon in Mathe die vier stehen hat.
Ich antworte mit der angekündigten Kurzkontrolle und dass ja nicht so viel zu lernen sei. Und gebe ihr noch zu verstehen, dass Max trotzdem mehr lesen und weniger Computer spielen sollte und es vielleicht auch nicht so schlecht wäre, wenn er hier und da mal die Hausaufgaben machen würde. Sie zieht ihre Augenbrauen hoch und sagt: Nichts. Ich interpretiere: Blöde neue Deutschlehrerin.
Am Tag der Kontrolle sind alle ein wenig aufgeregt und die meisten von ihnen geben sich ja auch die nötige Mühe, also die Mühe, die in ihrer Kraft steckt. Schließlich, egal wie faul sie das ganze Halbjahr über waren, wollen sie wenigstens jetzt noch einmal das Ruder rumreißen.

Wenige Tage später gebe ich die Kontrollen zurück und sehe in entsetzte Gesichter: Aber aber aber… wir dachten, die Kontrolle wird ganz leicht. Das haben Sie doch gesagt. Aufgabe fünf war unfair! Wieso sind die so streng mit der Rechtschreibung? Und wieso habe ich eine vier? Meine Mama hat gesagt… Ich habe doch gelernt. Ganz viel habe ich gelernt. Darf ich noch einen Vortrag machen?
Und so bekomme ich bald wieder Briefchen von Eltern, eigentlich nur von den Mamas, die nun vielleicht noch schnell buntes Kartonpapier kaufen gehen müssen, um sich dann mit der Figurenkonstellation in Lessings „Nathan der Weise“ auseinanderzusetzen und ihren Kinderchen dann ganz angestrengt die Stichpunkte mit dem Computer schreiben. Ausdrucken. Auf Karteikarten kleben. Vortrag üben. Damit der Max am Ende ein bisschen zitternd und stotternd seine – wenn es gut kommt wenigstens ein Mal gelesenen – Stichpunkte vorträgt. Und ganz am Ende dann doch noch eine drei auf dem Halbjahreszeugnis stehen hat.
Hallo Winterferien!

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