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Plus eins. Wie es in Leipzig ist, ein Kind zu bekommen.

Zwischen dem 31.12.2018 und 31.12.2019 hatte Leipzig einen Bevölkerungszuwachs von etwa 5.000 Personen zu verzeichnen. Dazu gehören natürlich auch mein Freund und ich. Der für uns wichtigste Neu-Leipziger kam dann allerdings erst ein paar Wochen später dazu.

Anfang Juni waren die Küche aufgebaut, die Schränke eingeräumt, das Internet angeschlossen und wir bereit für unseren neuen Mitbewohner. Gern würde ich an dieser Stelle einfügen, dass es nur noch ein paar Wehen brauchte, um unsere Familie zu ergänzen. Ganz so einfach ist es aber leider nicht, in Leipzig ein Kind zu bekommen. Auf meiner gefühlt niemals endenden To-Do-Liste zum Umzug waren noch die Punkte Treffen mit Hebamme, Kinderarzt und Krankenhaus als super wichtig markiert. Und das brauch ich wahrscheinlich niemandem zu erzählen: das sind nicht nur super wichtige Erledigungen sondern auf der Schwierigkeitsskala von 1 bis 10 eine dicke fette 11.

Die unmögliche Suche

Natürlich hatte ich vom Hebammenmangel in Deutschland gehört. Natürlich war ich auf eine längere Suche vorbereitet. Natürlich wusste ich, dass es schwierig werden würde. Aber so? Beim Wettlauf um eine Hebamme hab ich den Startschuss in den ersten Wochen der Schwangerschaft zwar gehört, aber ich wusste doch noch nicht, in welche Richtung ich laufen muss. Erst Anfang April war klar, dass wir nach Deutschland und zwar nach Leipzig ziehen werden. Und erst nach Ostern hatten wir eine Wohnung gefunden und wussten, welcher Stadtteil unser zukünftiges Zuhause sein wird. Eine Hebamme für das Julibaby zu finden, wäre erst zu diesem Zeitpunkt wohl kaum noch möglich gewesen. Also hab ich mich vorher auf die Suche gemacht und Telefonate geführt, Webseiten durchsucht, E-Mails geschrieben – nur um entweder gar keine Antwort zu bekommen, die Bedingung einen bestimmten Stadttteil zu bewohnen oder eine Absage. Oder die erwartete Bestätigung, dass eine Suche erst in der 20. Schwangerschaftswoche UND im Sommer UND in einer Stadt mit vielen Geburten nahezu aussichtslos ist. Aber warum ist eigentlich die Suche so kompliziert? Die Uni Leipzig bietet eine Übersicht über Hebammen mit Fremdsprachenkenntnissen. Manche Kliniken haben eine Übersicht über ihre Beleghebammen. Aber jede einzelne Telefonnummer anrufen zu müssen, um dann auf den Anrufbeantworter zu sprechen, weil die Hebamme aufgrund eines Wochenbettbesuches nicht an das Telefon geht – das hat mich doch sehr an Zeiten erinnert, in denen ich ein dickes Telefonbuch aufschlagen musste, um an Informationen zu kommen und nicht einfach Laptop aufgeklappt und meine Suche eingegeben habe. Auf der anderen Seite weiß ich doch den Luxus der Profession „Hebamme“ in Deutschand vor allem als Erstgebärende sehr zu schätzen. Ich weiß nämlich auch, wie es gewesen wäre, wenn wir in der Ukraine geblieben wären und ich dort entbunden hätte. Eine liebe Freundin hat ihre Tochter in Kiew bekommen und dort gibt es nach der Entlassung aus dem Krankenhaus nur die Familie oder den Kinder- oder Hausarzt. Eine Betreuung junger Mütter und ihrer Kinder zu Hause ist im Gesundheitssystem nicht vorgesehen. Von dieser Freundin habe ich auch von „Call-A-Midwife“ erfahren und hatte diese Option der Betreuung über Videoanrufe noch im Hinterkopf. Diese Möglichkeit musste ich dann schlussendlich nicht nutzen –  eine liebenswerte Hebammenpraxis hat mein Anliegen an eine selbständige Hebamme weitergeleitet, die ihre Räumlichkeit nutzt und diese hatte dann – kurz vor ihrem eigenen Mutterschutz – noch Kapazitäten. Und nicht nur das: auch persönlich und im Bezug auf die Geburt und die Schwangerschaft haben wir uns super verstanden. Das weiß ich – vor allem jetzt rückblickend – sehr zu schätzen.

 

Der Ort der Entbindung

Die Suche nach dem Ort der Entbindung war im Verhältnis zur Hebammensuche für uns ein Klacks: das Baby saß nämlich wie ein kleiner Buddha felsenfest in Beckenendlage und hat sich weder von indischen Brücken noch Moxibustion noch Akupunktur vom Gegenteil überzeugen lassen. Die Wahl, die keine war, fiel also auf die Uniklinik.

Das deutsche Gesundheitssystem war ja einer der Hauptgründe, warum ich in Deutschland entbinden wollte. Damit meinte ich moderne Ausstattung und gute Ausbildung – nicht aber die langen Wartezeiten. Teilweise musste ich bei der Vorsorge trotz Termin stundenlang im Flur sitzen bis ich aufgerufen wurde. Die Stimmung war also sowohl bei mir sowie auch den anderen Patienten und den Krankenpflegern und Ärzten nicht so prall. Ob das hohe Aufkommen nur saisonal war oder es am Geburtenrekord der Uniklinik im Jahr 2018 mit 2874 Geburten lag, weiß ich nicht. Ich war auf jeden Fall froh, dass mein Baby nicht nur bei der Geburtslage ein kleiner Rebell war, sondern sich auch für den Beginn der Wehen den Vormittag und nicht die Nacht gewählt hat. So durfte ich mir sogar noch einen Kreissaal aussuchen und habe alle Schwestern kennengelernt, die gerade Schicht hatten.

 

Mit viel Unterstützung, verrückten Wehen ohne Wehenpause und einige Stunden später wurde mein Sohn im Juli dann die eine Person mehr in der Statistik des Leipziger Bevölkerungszuwachses und in der Rekordzahl der Geburten im Jahr 2018 am Universitätsklinikum. Und für uns wurde er ein wesentlicher und unglaublich süßer Teil unserer Familie.

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