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Du bist anders, du bist gut

Nora Imlau hat das wunderbare Buch „So viel Freude, so viel Wut“ geschrieben. Das Buch handelt von gefühlsstarken Kindern und dem Verstehen und Begegnen. Ebenso wie es hochsensible Menschen gibt, gibt es auch besonders gefühlsstarke Kinder, denen die Eigenregulierung ihrer Gefühle oft schwer fällt.

Kinder werden größer, daher handelt Nora´s zweites Buch „du bist anders, du bist gut“ davon, wie man diese Kinder beim Aufwachsen begleitet. Viele von uns haben vielleicht keine gefühlsstarken Kinder, aber es ist durchaus wichtig, dass wir diese ganz besonderen Kinder besser verstehen und ihnen besser begegnen können. Auf 2 Falschannahmen möchten wir hier eingehen.

Also:

Schluss mit den Vorurteilen! Was jeder über gefühlsstarke Kinder wissen sollte

Wir haben heute so viel Wissen über gefühlsstarke Kinder. Und gleichzeitig das Problem, dass dieses Wissen so wenig verbreitet ist. Stattdessen regieren Vorurteile und grundfalsche Annahmen darüber, wieso Kinder sich herausfordernd verhalten und was Eltern dagegen tun müssten. Mütter und Väter gefühlsstarker Kinder müssen sich im Alltag also nicht nur mit den intrinsischen Herausforderungen herumschlagen, die das Leben mit einem hochemotionalen Energiebündel so mit sich bringt, sie müssen sich zusätzlich auch noch gegen all die Vorwürfe und das Unverständnis wappnen, das ihnen in unserer Gesellschaft permanent entgegenschlägt. (..)

Die erste Falschannahme: Schwierige Kinder sind einfach schlecht erzogen

Das wohl gemeinste und gleichzeitig am weitesten verbreitete Vorurteil: Verhalten sich Kinder auffällig und schwierig, müssen die Eltern irgendwas falsch gemacht haben. Schließlich weiß doch jeder, dass Kinder quasi der Spiegel ihrer eigenen Erziehung sind. Bekommen sie gutes Sozialverhalten vorgelebt, zeigen sie gutes Sozialverhalten. Legen ihre Eltern Wert auf bestimmte Werte und Normen, tun sie das auch. Und wenn man Kindern dann noch genug Liebe und Aufmerksamkeit schenkt, kommt das tadellose Benehmen wie von allein. Es gibt tatsächlich viele Menschen, die genau das glauben. Und damit die Macht der Erziehung maßlos überschätzen-oft, weil sie selbst bislang nur Erfahrungen mit der großen Mehrheit der von Natur aus eher regulationsstarken Kinder sammeln durften, die diese Theorie zu bestätigen scheinen: Gute Eltern.wohlerzogene Kinder.

Die Wirklichkeit ist jedoch komplizierter: Klar gibt es Kinder, in deren schwierigem Verhalten sich ungünstiges Erziehungsverhalten widerspiegelt – eine Bindungsstörung kann sich durchaus ähnlich äußern wie Gefühlsstärke und hat doch eine völlig andere Ursache. Doch für die große Mehrzahl der oft als schwierig empfundenen Kinder gilt:Ihre Eltern sind unglaublich engagiert, liebevoll, zugewandt und klar. Sie nehmen ihren Job als Mutter oder Vater ausgesprochen ernst und arbeiten pausenlos daran, es ihrem Kind zu ermöglichen, soziale Erwartungen zu erfüllen und sich in unsere Gesellschaft so einzufügen, dass sie Freunde finden, Hobbys pflegen, Regeln einhalten und die Herausforderungen des Alltags gut bewältigen können. Sie sind nicht nur gute Eltern, sie sind fantastische Eltern. Weil sie es sein müssen. Denn mit einem gefühlsstarken Kind rächt sich jeder blöde Fehler im Umgang mit dem eigenen Kind doppelt. Heißt das, dass Eltern gefühlsstarker Kinder keine Fehler machen? Natürlich nicht- perfekte Eltern gibt es nicht und muss es auch gar nicht geben. Aber ein gefühlsstarkes Kind mit Liebe und Klarheit, Verständnis und Bestärkung ins Leben zu begleiten, ist das genaue Gegenteil von schlechter Erziehung.

(..)

Die fünfte Falschannahme: Dank Helikoptereltern gibt es immer mehr anstrengende Kinder

Der Begriff Helikoptereltern hat Hochkonjunktur. Besonders häufig findet er Verwendung, wenn Eltern sich von anderen Eltern abgrenzen wollen – denen, die es übertreiben, die wirklich mal ein lockerlassen könnten, die offensichtlich die Grenze zwischen Fürsorge und Überfürsorge überschreiten. Ursprünglich in den USA als Begriff für Eltern geprägt, die ihren bereits erwachsenen Nachwuchs einfach nicht loslassen können und wie besorgte Helikopter über den Universitäten und Colleges junger Erwachsener kreisen, findet der Begriff mittlerweile Verwendung für alle Eltern, die nach Ansicht anderer zu viel des Guten tun –  und zwar vom Babyalter ihres Kindes an.

Das Problem dabei: Helikopter Eltern, das sind immer die anderen. Niemand stellt sich hin und sagt: Ich helikoptere gern und viel.Weil es aber auch keine klare Definition dafür gibt, wann Helikoptern beginnt, wird viel mit gefühlten Wahrheiten operiert: „Ein Kind mit fünf noch bis in die Umkleidekabine zu begleiten, muss ja wohl nicht sein.“ „Mit sieben kann man doch allein zur Schule laufen.“ „Wenn ein Kind mit neun noch Mamas Hand zum Einschlafen braucht, ist doch irgendwas schiefgelaufen.“ Es ist nicht schwer, eine große Anzahl Menschen zu finden, die solchen Pauschalaussagen zustimmen würde – basierend auf eigenen Kindheitserinnerungen sowie auf Erfahrungen mit den eigenen Kindern. Und auch viele Experten sind sich nicht zu schade dafür, bestimmte Reifeschritte an konkrete Altersangaben zu knüpfen, als sei jedes Kind mit fünf, sieben oder neun Jahren zu exakt denselben Dingen in der Lage und emotional bereit.

Doch gerade gefühlsstarke Kinder passen oft nicht in dieses Raster: Während sie in manchen Punkten ihrer Entwicklung ihren Altersgenossen oft weit voraus sind, brauchen sie für andere Entwicklungsschritte signifikant länger. Die Folge: Richten sich Eltern in Sachen Selbstständigkeitsentwicklung nach dem individuellen Entwicklungstempo ihrer gefühlsstarken Kinder, stehen sie schnell als Helikoptereltern da –  weil sie ihr Kind auch dann noch begleiten, wenn andere Kinder vieles schon allein regeln können. Weil sie Schwierigkeiten ihrer Kinder ernst nehmen, auch die, die die meisten Gleichaltrigen schon längst überwunden haben. Weil sie wissen, dass das Gras nicht schneller wächst wenn man daran zieht. Bei der individuellen Suche nach alltagstauglichen Lösungen kommen dann manchmal Szenarien heraus, bei denen andere Eltern die Hände über dem Kopf zusammenschlagen: Eltern, die ihre Zweitklässlerin jeden Morgen im Bett unter der warmen Decke anziehen, damit sie im Bad nicht friert und sich mit dem Start in den Tag leichter tut. Dritt- und Viertklässler, die immer noch jeden Tag bis zum Schultor begleitet werden. Mütter und Väter, die während des Schwimmtrainings das Bad nicht verlassen. Hinter all diesen Entscheidungen steht eine Geschichte, ein ganz persönliches Abwägen von Für und Wider, Preis und Ertrag, der für Außenstehende oft nicht zu verstehen ist. Ja, selbst das Anföhnen der Klobrille am Morgen –  das Beispiel für Helikopterelterntum, über das 2018 ganz Deutschland lachte – kann im Zusammenleben mit einem gefühlsstarken Kind durchaus ein kreativer und in sich schlüssiger Weg sein, ein tagtägliches Problem mit einem extrem sensiblen Kind, das jeden Sinnesreiz hundertfach verstärkt wahrnimmt, schnell und pragmatisch zu lösen. Konkret heißt das: Es gibt weder immer mehr Helikoptereltern, noch immer mehr gefühlsstarke Kinder – der Anteil der Menschen mit dieser Persönlichkeitsstruktur ist seit Jahrtausenden konstant. Was es jedoch gibt, sind immer mehr Kinder, die so sein dürfen, wie sie sind. Und mehr Eltern, die versuchen, auf die individuellen Bedürfnisse ihrer Kinder einzugehen, anstatt sie in ein unpersönliches Schema zu pressen, wonach jedes Kind in einem bestimmten Alter bestimmte Selbstständigkeits-Meilensteine erreicht haben muss, egal wie es ihm dabei geht.“

 

Mehr Informationen, mehr Hintergründe und noch mehr Wissen gibt es in Nora´s Buch.

 

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