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Von einer, die auszog

Über das Ankommen und zurechtfinden in der neuen Heimat.

Das ist doch ein vielversprechender Beginn für jede Abenteuergeschichte: „von einer, die auszog“. Und während im Original im Märchen der Gebrüder Grimm ein Aufbruch stattfindet, um das Fürchten zu lernen, ist es in der Realität doch so, dass ein Auszug oder Umzug ein neues (und oft auch besseres) Leben bringen soll. So bin ich zum Beispiel nach dem Abitur von zu Hause aus und nach Australien für ein Jahr Work & Travel gezogen. Danach haben mein erster Freund und ich uns eine Wohnung zusammen gesucht. Während des Studiums in Berlin habe ich dann in einer WG gewohnt und bin von dort allein in eine 135-Quadratmeter große Wohnung in Kiew gewechselt. Ein Neuling auf dem Wohnungssuchmarkt bin ich also nicht. Für den Umzug nach Leipzig gab es aber eine neue Challenge: innerhalb von vier Tagen nach Ostern zu zweit eine Wohnung suchen, in der wir dann zu dritt als Familie wohnen werden und in einer Stadt, die ich vorher nur besucht hatte. Okay. Challenge accepted.

 

Jeder, der in letzter Zeit etwas über Immobilien in Leipzig gelesen hat, weiß: Leipzig ist nicht nur das „neue Berlin“ wenn es um Gastronomie, Nachtleben oder Kultur geht. Nein, auch der Wohnungsmarkt hat sich ein Beispiel an der Hauptstadt genommen. Auf den ersten Blick schien es aber ein großes Angebot schöner Mietwohnungen auf den bekannten Webseiten zu geben, ich war also optimistisch. Tja, das war natürlich bevor ich die Suche auf eine Höchstgrenze bei der Miete und auf bestimmte Stadtteile beschränkt habe. Danach haben sich zu meinen wild hüpfenden Schwangerschaftshormonen auch noch einige griesgrämige Stresshormone gesellt. An dieser Stelle mag ich aber gerne gleich ein bisschen spoilern (natürlich nur für die, die meine erste Kolumne nicht gelesen haben, denn die wissen es eh schon) – es wird ein Happy End geben.

Wo wohnt man denn nun am besten in Leipzig als neu zugezogene Familie? Ich hatte großes Glück und noch Kontakt zu einer alten Schulfreundin, die mit ihrer kleinen Tochter in Leipzig wohnt. Und diese hat mir nicht nur geschrieben, dass ihr Herz so sehr für Leipzig schlägt, dass sie einen Umzug hierher auf jeden Fall empfehlen würde, sondern mir auch zu folgenden Stadtteilen geraten: Plagwitz und Schleußig – hip, schön, mit jungen Familien. Altlindenau – super Infrastruktur, ruhig und grenzt an einen großen Park. Südvorstadt – mit Kneipenmeile, an der anderen Seite des Parks und zentrumsnah. Gohlis – schöne Ecken im Norden. Für diesen kompetenten Rat bin ich ihr noch heute super dankbar und würde diesen mittlerweile genau so unterschreiben.

 

Wie lief nun die Wohnungssuche? In manchen Inseraten hat Photoshop sein bestes gegeben und in diesen habe ich wirklich „ das Fürchten gelernt“. Eine Besichtigung wurde kurz vorher abgesagt, weil jemand die Wohnung ohne diese je zu sehen einfach vom Fleck weg gemietet hat. Andere Makler oder Vermieter haben nicht mal einen Termin vereinbart, weil ich die Wohnung eben nur in den vier Tagen, die ich in Deutschland war besichtigen konnte und eben nicht erst in drei bis vier Wochen. Nach etwa zwei Dutzend Besichtigungen hatten wir uns dann für eine Wohnung am Coppiplatz entschieden. Nur der Vermieter sich nicht für uns – und auch leider vergessen uns das mitzuteilen oder auch nur einen der zahllosen Anrufe anzunehmen. In der Zwischenzeit war dann auch unsere zweite Wahl schon vermietet und ich sah mich schon wohnungslos mit Baby im Arm – in der Schwangerschaft war ich ein bisschen dramatisch.

Zum Schluss wurde es dann eine Wohnung, die ich gar nicht erst besichtigen wollte. Im Inserat sah man rosa Wände. In jedem Raum. Und von Kiew war ich ein bisschen traumatisiert, da man dort wirklich die postsowjetische Innenarchitektur des Ostblocks zelebriert – mit tonnenschweren Kronleuchtern, Relieftapete, Goldapplikationen, Ornamenten am Treppengeländer und Ledersofas. Es brauchte also den Druck der nicht in Frage kommenden Wohnungen und das nahende Ende der Wohnungsbesichtigungswoche, um am letzten Tag noch „die mit den rosa Wänden“ zu besichtigen. Hier an dieser Stelle füge ich ein von Herzen kommendes „puh“ ein, denn die Wände waren eher so eierschalenweiß und die Maklerin hatte sich beim Fotografieren nur wenig Mühe gegeben. Dqafür hatte die Küche schwarz-weiße Fliesen – genau das wollte ich schon lange haben.

 

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute – in der Wohnung mit den nicht-rosa Wänden und der schwarz-weißen Küche.

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