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Frau Eff schreibt von heimlichen Klopapierrollen und einem Wein aus der Unstrut

Frau Eff ist im fünften Jahr Vollzeitlehrerin. Seit einem Schuljahr an einer Oberschule im Leipziger Osten. Zwischen kaugummikauenden Möchtegerngangstern und schüchternen Mauerblümchen versucht sie die deutsche Sprache anschaulich an den Teenager zu bringen und nebenher in Ethik die Welt ins Klassenzimmer zu holen. Das gelingt mal mehr und mal weniger gut.

Sie mag es, wenn ihre Schülerinnen außerhalb der Konvention denken und unpopuläre Antworten geben und wenn sie ihr ihre Problemchen anvertrauen. Da kann sie sehr sehr ernste Tipps geben. Immer.

Ab und zu akzeptiert sie auch mal ziemlich absurde Ausreden, weswegen die Hausaufgaben wieder nicht gemacht werden konnten. Ganz selten natürlich, aber passiert.

Dafür mag sie es nicht, wenn der Kaugummi laut und mit offenem Mund gekaut wird und vor der ersten Stunde eine Schlange aus Kollegen am Kopierer steht und sie deshalb vielleicht manchmal ein-zwei Minütchenen zu spät zum Unterricht kommt. Aber pssst.

In den Pausen trinkt sie – wie das Klischee es beschreibt – liebend gern Kaffee und wird auf den Gängen manchmal mit Schülerinnen verwechselt. Vor allem von Referendaren. Aber sie will mal nicht so sein. Die müssen das ja auch noch lernen mit dem streng gucken und kompetent wirken.

Alles in allem ist sie nicht nur wegen der Ferien Lehrerin geworden, sondern auch um erste Liebeskummersorgen zu heilen, stapelweise Aufsätze zu korrigieren und den „Groschen fallen zu hören“, wenn das Neue endlich verstanden wurde.

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Ein ähnliches Gefühl wie kurz vor den Sommerferien liegt auch in der Adventszeit in der sonst eher modrigen Schulluft. Die Schüler wollen nur noch Plätzchen backen, Weihnachtslieder singen oder Weihnachtsfilme schauen, die Lehrer reden von Glühwein und überall werden kleine Heimlichkeiten ausgetauscht. Vor den Sommerferien ist das ähnlich, nur ohne das Wörtchen „Weihnacht“ dazu.

Wenn man als fast letzte zu einem Kollegium dazugekommen ist, gilt man meist auch im zweiten Jahr noch als die Neue und wird in dieser Zeit des Jahres beim Verteilen von selbstgemachtem Eierlikör und Pfefferkuchen gerne ausgespart. Außer, und das passiert auch hin und wieder, jemand nimmt sein Geschenk nicht an.

So trug es sich zu, ja, so beginnt auch die Weihnachtsgeschichte, aber ein bisschen so fühlte ich mich in diesem Moment auch. Es trug sich also zu, dass meine Klassenlehrerkollegin mehrere von diesen weihnachtlich glänzenden Papiertüten aus ihrer Tasche zog, die in Form und Größe so aussahen, als könne man da perfekt eine teure Weinflasche hineinpacken. Mit  großer Wahrscheinlichkeit waren diese nicht für Kinderhände gedacht, mutmaßte ich. Und Wein trinke ich gern.

Zur Weihnachtsfeier unserer sechsten Klasse – während die lieben Kleinen Plätzchen in sich hineinstopften, oder sagen wir besser, Chips aßen und Cola tranken. Das war ausnahmsweise mal erlaubt. Normalerweise dürfen sie ja keine Energydrinks und auch keine Chips haben, wir sind ja eine gesunde Schul,. –  standen wir Erwachsenen also da und unterhielten uns über dies und jenes, als die Zeit für meine Kollegin reif zu sein schien und die Papiertüten verteilt werden sollten. Im wohlig warmen und weihnachtlich dekorierten Klassenraum waren neben den vierundzwanzig Zwölfjährigen nämlich auch vier Erwachsene. Mich eingeschlossen. Wie so oft  in dieser Klasse.

Leonie und Lena durften heute Weihnachtsbäume und Schneemänner an die Tafel zeichnen und beobachteten die Szene zwischen uns Erwachsenen ganz beiläufig. So wie sie das immer tun. Ihren Augen und Ohren entgeht nichts, gar nichts. So auch dieses Mal.

Da ist also Erwachsener Nummer eins. Die Schulbegleiterin von Max. Sie wurde als erste beschenkt. Tüte Nummer eins geht also mit vielen herzerwärmenden Worten und Dankesbekundungen an sie. Es ist schließlich Weihnachten. Zeit zum Resümieren.

Ach wie nett, denke ich mir nur. Ich habe wieder nicht daran gedacht, sie mit einer Kleinigkeit zu beschenken und ihr für ihre Arbeit zu danken. Dabei mag ich solche Aufmerksamkeiten doch. Naja, nächstes Jahr. Oder vielleicht an ihrem Geburtstag, wenn ich rauskriege, wann der ist.

Tüte Nummer zwei: Wie sollte es anders sein, geht an den Erwachsenen Nummer zwei, die Elternsprecherin Frau Müller, die sich so rührend um den letzten Wandertag kümmerte. Auch hier wieder überschwängliche Worte und Umarmungen – man kennt sich ja schließlich und das sollen auch alle sehen. Und nun Tüte Nummer drei: Also da ich ja nicht auf den Kopf gefallen bin und im Raum nur noch eine weitere erwachsene Person außer der Schenkerin selbst ist, würde ich sagen, geht diese Tüte an mich. Vielleicht bekomme ich jetzt auch so rührende Worte zu hören, wie gut unsere sechste Klasse sich in Deutsch gemacht hätte, dass sich der Sebastian dank meiner Arbeit ja jetzt immer besser benehme, dass die neue Methode von letztens den Schülerinnen so viel Spaß gemacht habe und dass vielleicht sogar die Eltern nur Gutes über mich zu sagen hätten. Aber huch, da passierte es. Tüte Nummer drei wanderte verschämt wieder in den Korb zurück, mit der Begründung, dass diese für Frau Schmidt bestimmt sei, mit der sie ja schließlich schon seit mehr als zwanzig Jahren das Lehrerinnendasein teile. Und dafür soll Frau Schmidt auch mit dem leckeren Wein aus diesem einen Weingut an der Unstrut bedacht werden. Logisch, denke ich mir. Aber auch: Wo ist nochmal der rettende Stall, in den ich mich jetzt gern begeben würde. Peinliche Situationen kann man überspielen, indem man einfach weiterredet. Ok, das mache ich also. Ich versuche mir nichts anmerken zu lassen. Schließlich gehöre ich ja irgendwie noch zu den Neuen. Vielleicht hat sie mich auch einfach nur vergessen oder ich bekomme morgen was ganz besonders Tolles geschenkt und nicht nur so ’nen ollen Wein, beruhige ich mich.

Lena aus der ersten Reihe, die natürlich alles mit Adleraugen und weit gespitzen Ohren verfolgte, zwinkerte mir heimlich zu und kam am nächsten Tag mit vierundzwanzig leeren Klopapierrollen an. Ja, richtig, leeren Klopapierrollen. „Für Sie Frau Eff. Sie hatten doch erwähnt, dass sie einen Adventskalender für ihre Familie basteln wollen, aber vergessen haben, diese Rollen zu sammeln.“ Hach, mein Herz ging mir auf. Hat sie das gerade wirklich gesagt? Da ist also dieses Geschenk, für das man sich das ganze Jahr abmüht. Da hat sie irgendwann einen Nebensatz von mir aufgeschnappt und heimlich leere Klopapierrollen gesammelt. Wie rührend. Die kleinen Gesten der Schüler sind doch immer wieder etwas ganz Großes. Und da kann keiner was anderes behaupten. Im Lehrerzimmer wird mit so etwas nämlich gerne angegeben. Vor allem zur Weihnachtszeit und zum Schuljahresende kurz vor den Sommerferien. Süßigkeiten hier, Blumensträuße da. Nur mehr als zehn Euro teuer darf es nicht sein. Sonst gibt’s Ärger. Neues Schulgesetz.

Auch ich war dieses Jahr dabei. Mit leeren Klopapierrollen. Die sind ja zum Glück keine zehn Euro wert.

Ich bedankte mich jedenfalls bei Lena und war gerührt von so viel Einfühlungsvermögen. Auf Lena ist eben immer Verlass. Wirklich immer.

Am nächsten Tag bekam ich von meiner Kollegin dann doch noch so eine ominöse Tüte. Die Schulbegleiterin trinke keinen Alkohol, gab sie zu verstehen, deshalb soll ich den guten Wein doch mit nach Hause nehmen.

 

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