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Zurück dann mit Übergepäck – Über das Ankommen und Zurechtfinden in der neuen alten Heimat.

Da saß ich nun in der schwarz-weiß gefliesten Küche unserer neuen Wohnung in Altlindenau auf dem Boden, Stühle gab es schließlich noch keine. Neben mir die IKEA-Anleitung für die neue Küche, vor mir der kugelrunde Bauch einer Schwangeren im neunten Monat.

Und im Kopf kreisten die Gedanken. Wann kommen wohl die Möbel an? Und lernen wir unser Baby pünktlich zum Entbindungstermin kennen? Wie genau funktioniert das nochmal mit der Anmeldung beim Einwohnermeldeamt und wann genau wollte die Hebamme kommen? Und was kostet nochmal ein Ticket für die Straßenbahn?

Zurückblickend muss ich sagen: das war auch alles ein bisschen viel auf einmal. Einen Umzug von Kiew nach Leipzig zu planen und das nur fünf Wochen vor der bevorstehenden Geburt meines ersten Kindes. Klar, ich habe gegenüber vielen anderen Zugezogenen den Vorteil, dass das nicht mein erster Umzug war. Aber den letzten habe ich aus beruflichen Gründen aus einem WG-Zimmer in Berlin als Single angetreten und zurück komme ich nun mit meinem Freund, der bisher nur einmal zu Besuch in Deutschland war, und einem kleinen Baby im Bauch. Das sind ganz andere Herausforderungen wie Elterngeldantrag, Aufenthaltserlaubnis, Hebammensuche – um nur einige zu nennen. Und die sind schon ohne Umzug schwierig.

Wie gut, dass ich gerne organisiere und plane, denn das war tatsächlich wesentlich. Kontakt aufnehmen, Webseiten lesen und Anrufe tätigen wurden zu meinem neuen Hobby. Doch bevor sogar das möglich war, mussten wir uns erst einmal für einen Wohnort entscheiden. Meine Familie wohnt im Süden von Sachsen-Anhalt, meine Elternzeit sollte zwei Jahre betragen, wir wohnten bisher in einer Drei-Millionen-Stadt. Es sollte also etwas Familiennahes, Internationales, mit guter Infrastruktur sein. Da blieb nicht viel über. Und tatsächliches war es dann Leipzigs Ruf als „Hypezig“ oder als „das neue (bessere) Berlin“, die mich überzeugt haben, nur hier nach einer Wohnung zu suchen.

Und so kam es dann auch. Flüge wurden gebucht, Visa beantragt, zwei gesamte Haushalte in Kisten verpackt, zahlreiche Abschiede und eine Babyshower gefeiert, ein paar Tränen vergossen und die Vorfreude auf das Neue genossen.

Mit nur zwei Koffern landeten mein Freund und ich dann am Flughafen in Berlin-Tegel und nahmen am 31.05.2018 einen Flixbus nach Leipzig. So fing es an. Seitdem ist so viel passiert. Wir haben im Hotel gewohnt, dutzende Behördentermine wahrgenommen, sind im Clara-Park spazieren gegangen und haben Eis gegessen, mussten stundenlang auf Geburtsvorsorgeuntersuchungen warten, haben Stadtteile entdeckt, ein Baby geboren, Besuch in der neuen Wohnung empfangen, witzige sächsische Worte gelernt, neue Freunde gefunden.

Wenn mich jetzt jemand fragt, wie es mir in Leipzig gefällt, sage ich: Ich mag die Mischung aus den vielen Angeboten einer Großstadt mit der trotzdem vorhandenen Gemütlichkeit und Vertrautheit. Ich finde, es gibt viele und tolle Angebote für Kinder, es ist aber nicht so einfach diese immer zu finden. Auch sind die Stadtteile in Leipzig so verschiedenen, dass man sich vorher gut überlegen sollte, wohin man am besten zieht. Und was immer den größten Einfluss auf das Wohlfühlen an einem neuen Wohnort hat: Freunde, nette Nachbarn und andere hilfreiche Personen im Alltag. Das war am Anfang nicht so einfach, diese zu finden. Langsam fühle ich mich allerdings immer mehr wie ein Experte zu diesem Thema.

Heute sitze ich übrigens wieder auf dem schwarz-weiß gefliesten Küchenboden in Altlindenau. Diesmal ein Holzauto neben mir und vor mir mein 16 Monate alter Sohn, geboren in Leipzig. Und ich darf monatlich für dieses Onlinemagazin über unsere erste Zeit in Leipzig schreiben. Das fühlt sich ziemlich nach angekommen an.

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