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„Es kann in einer Stunde da sein. Oder in einer Woche.“ Geburtsbericht Elise

Anne erzählt von der Geburt ihres vierten Kindes. Sogar ein wunderschönes Video gibt es dazu, absolut sehenswert.

Donnerstag, 2.5.2019. Mein Mann und unsere 3 Großen schlafen. Ich wehe in der heimischen Wanne vor mich hin. Morgen beginnt die Rufbereitschaft unserer Hebamme.

Dieses, unser viertes Kind, soll im Geburtshaus geboren werden. Zwei kraftvolle Traumgeburten haben mein Liebster und ich schon zusammen erlebt und eine langwierige, anstrengende dritte.
Gemischte Gefühle hatten mich nun in meiner letzten Schwangerschaft begleitet, vielleicht auch etwas Angst, noch einmal Kontrollverlust zu erleben.
In den letzten zwei Wochen wehte ich mal mehr, mal weniger vor mich hin. Jetzt scheint es  regelmäßiger zu werden.  So bleibt es den ganzen Tag.

Wir gehen nachmittags in den Zoo und plötzlich muss ich immer mal veratmen. Abends zu Hause stehen alle Zeichen auf Geburt. Wir informieren unsere Hebamme, sind freudig und aufgeregt. Sie schätzt, dass wir spätestens am Morgen unser Baby im Arm halten werden.
Mit diesem Enthusiasmus wehe ich mich durch die Nacht. Erst mit meinem Liebsten an meiner Seite, dann schicke ich ihn ins Bett. Es ist schon Arbeit, aber eine schöne. Schmerzen habe ich auch keine. Genau wie bei meiner zweiten Geburt. Genau wie ich es mir erhofft habe. Mit jeder Wehe gewinne ich das Vertrauen in mich zurück, dass ich Geburt kann.
Mit dem Morgengrauen schlägt die Freude jedoch in Niedergeschlagenheit um. Kein Baby. Immer noch keine starken Wehen. Die Hebamme kommt.

3cm Muttermundsöffnung. heißt beim vierten Kind: Es kann in einer Stunde da sein. Oder in einer Woche. Resignation. Die Wehen nerven. Legen das Familienleben lahm. Nacht um Nacht wache ich. Schaue Naturdokus, veratme in der Wanne. Übe mich in Geduld.
Am nächsten Donnerstag, den neunten Mai, beschließe ich, die Wehen zu ignorieren. Wieder ein Nachmittag im Zoo. Wieder eine schlaflose Wehennacht mit Badewanne und Kerzenschein, wieder ein Morgen ohne Baby.

Freitag, Krabbelgruppentag. Kaffeekochen – veratmen – Singen mit den Kindern – wehen – aufräumen – Wehen – saugen. So geht der Tag dahin.
Nachmittags ist das Haus voll, zwei Freundinnen und insgesamt sieben Kinder springen um mich herum, während ich immer mal innehalten, atmen und in mich gehen muss. Wir sind jetzt bei Wehenabständen von drei bis fünf Minuten. Schmerzfrei, aber arbeiten muss ich langsam schon.
Als die Kinder im Bett liegen, wähle ich die Nummer meiner Hebamme. Gegen neun kommt sie vorbei. Der Liebste und ich haben es lustig mit ihr, auf dem Pezziball kreisend hänge ich am CTG – ihre Worte nach einer halben Stunde:
„Ihr bekommt heute kein Baby mehr!“ und damit hatte sie Recht, nicht mehr an diesem zehnten Mai.
Mein Mann geht ins Bett, ich in die Wanne, wie die gesamte letzte Woche über. Doch plötzlich muss ich tönen.
Der Liebste ist sofort hellwach. Diese Laute kennt er genau. Er will sofort los, meine Schwester und ihren Freund holen, die auf die drei Großen aufpassen sollen. Ich bin erst dagegen, er fährt trotzdem. Zehn Minuten später wünsche ich ihn mir schon äußerst stark zurück.
Es ist Mitternacht, der elfte Mai beginnt.

Wir rufen wieder die Hebamme an. Sie will alles hübsch machen, während wir unterwegs sind. Ich schaffe es schnell vor der nächsten Wehe noch, unsere Geburtsfotografin anzurufen, die wir dieses Mal gern dabeihaben wollen.
Dann belädt der Liebste das Auto, während ich mir einen Bademantel überwerfe und drei sehr laute Wehen zum Auto brauche. Jetzt wissen also auch die Nachbarn, dass Schleußig bald einen weiteren Bewohner hat.
Wir erreichen die Südvorstadt und das Geburtshaus Rundfrau. Einen Parkplatz gibt es natürlich nicht. Ich steige aus und halte mich an der nächsten Laterne für die nächste Wehe und bin laut. Eine Gruppe Partymenschen kommt vorbei und will mir helfen. „Ich krieg n Kind!“ presse ich schnell in meinem Tönen hervor. „Hilfe! Ich hab nie wieder Sex!“ ist die Antwort eines Feiernden. Ich muss lachen, bis zur nächsten Wehe.
Das Geburtshaus ist wunderschön hergerichtet, das fällt mir kurz auf, bevor es schon wieder über mich hereinbricht. Die Fotografin ist da.
Die Hebamme und der Liebste gut drauf, ich töne stehend – auf dem Pezziball – im Türrahmen – am Fußende des Bettes. Unsere Hebamme hört die Herztöne, alles super, sonst gibt es keine Untersuchungen.
Nur einen Venenzugang will meine Hebamme noch legen, damit ich ein Medikament gegen Blutungen bekommen kann, die ich bei den ersten beiden Geburten leider hatte.
Während das alles vorbereitet wird, platzt die Fruchtblase. Damit hat jetzt so keiner gerechnet. Es ist 0:52 Uhr.
Aus meiner Leggins komme ich allein nicht mehr, daher müssen der Liebste und die Hebamme nachhelfen.
Wir nehmen alle wieder Position ein – Venenzugang legen, Versuch zwei. Plötzlich überrollt mich eine derartige Wehe, dass ich kurz um Schmerzmittel bettele. Meine tolle Hebamme holt mich schnell zurück – Fokus. Venenzugang legen, Versuch drei.
Doch plötzlich kommt schon das Köpfchen.
Unsere Hebamme lässt alles fallen, springt zur Stelle und leitet meinen Liebsten an, unser Baby aufzufangen.


Um 1 Uhr bringe ich unsere Tochter in die Hände meines Mannes zur Welt. Wir sind überwältigt. Das ging jetzt doch ganz schön schnell. Er überreicht mir unser viertes Wunschkind. Zusammen laufen wir zum Bett und machen es uns dort gemütlich.
Unsere Fotografin hält dieses ganze Glück für immer fest.
Wir bemerken weder sie, noch die zweite Hebamme, die sechs Minuten nach der Geburt dazukommt.

Unsere Elise darf ganz in Ruhe und Geborgenheit auf meiner Brust mit ihrem Papa neben ihr diese Welt kennenlernen.

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https://www.youtube.com/watch?v=XO6hgxsnnfk

 

Mehr von Anne findet ihr auf ihrem Instagram Account

Den Link zum Geburtshaus Leipzig findet ihr hier

Die wunderschönen Fotos sind von der Fotografin Stefanie Fuchs

 

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