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Die Grundbedürfnisse gefühlsstarker Kinder

„Wir alle brauchen Luft zum Atmen, genügend zu essen und zu trinken, eine sichere Umgebung sowie ausreichend Schlaf, um zu überleben. Doch neben diesen körperlichen Grundbedürfnissen haben wir Menschen auch seelische Grundbedürfnisse, die erfüllt sein müssen, damit es Kindern wie Erwachsenen auf Dauer gut gehen kann. Zu diesen gehören

  • das Bedürfnis nach Nähe und Bindung
  • das Bedürfnis nach Halt und Orientierung
  • das Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit und Autonomie
  • das Bedürfnis nach Wertschätzung und Akzeptanz

Anders als bei unseren körperlichen Grundbedürfnissen liegt es in der Natur unserer seelischen Grundbedürfnisse, dass diese sich in einem ständigen Widerstreit befinden und niemals alle gleichzeitig komplett erfüllt sein können: Völlige Verbundenheit ist schließlich das Gegenteil vollkommener Autonomie, und begrenzender Halt von außen steht der freien Entfaltung in totaler Selbstwirksamkeit entgegen. Doch genau aus diesem Spannungsfeld entsteht jene gesunde Balance der Bedürfnisse, die für unsere seelische Gesundheit so wichtig ist. In Bezug auf gefühlsstarke Kinder heißt das: Es kann nicht unser Ziel als Eltern sein, ihren inneren Konflikt zwischen Nähebedürfnis und Freiheitsdrang, Sehnsucht nach Strukturen und Rebellion gegen Grenzen aufzulösen. Denn genau diese Spannung gehört zum menschlichen Dasein untrennbar dazu. Wir können unseren Kindern aber zeigen, wie aus den widerstreitenden Impulsen in ihrem Inneren ein kraftvoller Motor werden kann, der sie in ihrer persönlichen Entwicklung nach vorne bringt. Denn wo Spannung ist, da ist auch Energie, und innere Konflikte sind der Treibstoff für Veränderung. Schauen wir uns also die seelischen Grundbedürfnisse unserer Kinder etwas genauer an –  und sehen, wie wir sie unter einen Hut bekommen.

„Ich brauche deine Nähe“

Wir Menschen sind von Natur aus soziale Wesen und haben ein biologisch tief in uns verankertes Bedürfnis nach liebevollen Beziehungen mit anderen Menschen. Das macht evolutionär auch Sinn, denn in der Geschichte unserer Art war klar: Ohne Bindung kein Überleben. Das gilt insbesondere für Kinder – sie brauchen Erwachsene, die sich über viele Jahre für sie verantwortlich fühlen, bis sie für sich selbst sorgen können. Das so genannte Bindungssystem eines jeden Menschen – also die innere „Blaupause“ dafür, wie jemand Beziehungen angeht und gestaltet – entwickelt sich in der frühen Kindheit auf Grundlage unserer Erfahrungen mit unseren ersten Bezugspersonen – also in den meisten Fällen mit den Eltern. Entscheidend für die Entstehung einer sicheren, vertrauensvollen Bindung ist dabei zum einen die körperliche Nähe, mit der Eltern ihrem Kind Sicherheit und Geborgenheit schenken – und zum anderen die Feinfühligkeit, mit der sie insbesondere auf die Stresssignale des Kindes reagieren. Weint oder schreit das Kleine und wird dann sofort liebevoll, angemessen und prompt getröstet, entwickelt es ein tiefes Vertrauen in andere Menschen und die Welt, das es fürs Leben stark amcht: das so genannte Urvertrauen. Gefühlsstarke Kinder kommen mit einem besonders ausgeprägten Bindungsbedürfnis zur Welt und brauche überdurchschnittlich viel körperliche Nähe und feinfühlige Rückversicherung, um sich sicher und geborgen zu fühlen – auch weit über die Babyzeit hinaus.

„Ich brauche deinen Halt!“

Vor seiner Geburt erfährt jedes Baby im Bauch der Mutter ganz unmittelbar das Gefühl von Halt und Begrenzung: Die Wände der Gebärmutter beschränken seine Bewegungen und markieren die Grenze seiner eigenen kleinen Welt. Typisch für gefühlsstarke Kinder ist es, auch nach der Geburt ein besonders starkes Bedürfnis nach Enge und Halt zu haben: Sie lieben es, eng im Tragetuch eingebunden herumgetragen oder fest in ein Pucktuch eingewickelt zu werden und schlafen oft besser, wenn das Stillkissen wie ein Nest um sie herumliegt. Werden gefühlsstarke Kinder älter, haben sie immer noch ein starkes Bedürfnis nach Begrenzung – aber nun ist es nicht mehr vorrangig körperlicher Natur. Stattdessen treten Klarheit und Berechenbarkeit an die Stelle von Puck- und Tragetuch: Verlässliche Strukturen im Tagesablauf, sowie Eltern, die freundlich und gleichzeitig bestimmt ihre persönlichen Grenzen aufzeigen, geben gefühlsstarken Kindern Halt und Orientierung.

 

„Ich bestimme über mich!“

Wer genau hinsieht, kann erkennen, dass schon kleinste Kinder das Bedürfnis haben, ihren Babyalltag aktiv mitzugestalten: Sie zeigen deutlich, welche Rassel sie gerade interessiert, ob sie lieber spielen oder lieber in Ruhe gelassen werden wollen, ob sie auf den Arm mögen oder herunter wollen. Mal helfen sie beim Anziehen mit, indem sie ihre Arme selbstständig durch die Ärmel fädeln, mal wehren sie sich vehement gegen das Wickeln. Mit Beginn der so genannten Autonomiephase entdecken sie ihren eigenen Willen dann mit Wucht –  und fordern ihr Recht auf Freiheit und Selbstbestimmung fortan mit viel Elan ein. Gefühlsstarke Kinder kämpfen dabei typischerweise besonders stark für ihre Selbstbestimmtheit und stellen auch im späteren Leben immer wieder Autoritäten und Hierarchien in Frage, vor allem, wenn diese sie in ihrer persönlichen Freiheit beschränken. Für ihre seelische Gesundheit ist es sehr wichtig, diesen immensen Drang nach Freiheit und Selbstwirksamkeit ausleben zu können in einer Umgebung, in der ein eigener starker Wille als etwas Kostbares und Schützenswertes angesehen wird, und in einer Umgebung, in der Eltern und Erzieher viel häufiger Ja als Nein zum Selbermachen und Entdecken sagen können.“

Dieses Kapitel ist dem Buch von Nora Imlau „So viel Freude, so viel Wut“ entnommen. Der zweite Teil „du bist anders, du bist gut“ erscheint gerade im Kösel Verlag.

 

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