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Der geplatzte Traum der Traumgeburt

Jede zweite Mutter hat nach der Geburt ihres Babys damit zu kämpfen, dass sich ihre Wünsche und Hoffnungen für die Geburt nicht erfüllt habe. Wie kommt es, das diese Zahl so hoch ist?

Es wäre leicht, die Schuld dafür bei den Frauen selbst zu suchen: Wenn so viele von ihrem Geburtserlebnis enttäuscht sind, dann sind die Erwartungen heutiger Schwangerer wohl einfach zu hoch. Doch wer genauer nachfragt, warum so viele Mütter von ihrer Geburtserfahrung enttäuscht sind, stellt fest: Diese Frauen sind mit durchaus realistischen Vorstellungen in die Geburt gegangen. Sie wussten, dass eine Geburt sehr lange dauern kann, ungeheuer anstrengend ist und das starke Schmezen oft dazugehören. Auf all das waren sie vorbereitet. Worauf sie nicht vorbereitet waren, war das Gefühl, mit ihrer Anstrengung, ihrem Schmerz und ihrer Angst alleingelassen zu werden. Was sie erschreckt hat, waren die vielen fremden Hände an ihrem Körper, die zahlreichen Eingriffe in den natürlichen Geburtsverlauf. Womit sie nicht gerechnet hatten, war, wie schnell eine natürlich begonnene Geburt im Operationssaal enden kann. Dass die Hälfte der Mütter hierzulande unzufrieden mit ihren Erfahrungen unter der Geburt ist, heißt also nicht, dass wir Frauen heute mit zu hohen Ansprüchen in die Geburt gehen – sondern dass längst nicht jede Frau unter der Geburt die Begleitung erfährt, die sie zu Recht erwartet und die jede Gebärende verdient.

Warum Frauen von ihren Geburten enttäuscht sind

Ist eine Mutter im Nachhinein mit ihrem Geburtserlebnis unzufrieden, kann das ganz unterschiedliche Ursachen haben. Doch eins haben fast alle Enttäuschungen gemeinsam: Die Frau hat sich unter der Geburt nicht gut genug begleitet gefühlt. Die häufigsten Gründe dafür, dass Frauen mit ihrem Geburtserlebnis hadern, sind:

  • Das Gefühl, alleingelassen worden zu sein

Vor allem in der Eröffnungsphase einer Geburt, in der aus medizinischer Sicht noch nicht viel Spannendes passiert, sind Gebärende in den meisten Kliniken viel mit sich allein. Das ist klar, wenn sich eine Hebamme um mehrere Frauen gleichzeitig kümmen muss – doch ohne die kontinuierliche Begleitung einer erfahrenen Geburtsbegleiterin tun sich die meisten Schwangeren eben auch schwer, mit dem Wehenschmerz umzugehen. In der Folge können sich die ersten Stunden der Geburt wie die Zeit eines langen, ziemlich einsamen Leidens anfühlen.

  • Die Erfahrung, nicht ernst genommen worden zu sein

Jede Gebärende ist die einzig wahre Expertin für ihre Geburt. Was sie fühlt, ist richtig. Was sie will, zählt. Leider geht dieser elementare Grundsatz menschenfreundlicher Geburtshilfe im stressigen Klinikalltag oft unter. Ob eine Geburt „richtig“ verläuft, entscheiden Hebammen und Ärzte anhand von Muttermundbefunden und CTGs. Was die Frau selbst dazu sagt, verschallt dabei ungehört. So fühlen sich viele Frauen bei ihrer eigenen Geburt als Statistinnen – was sie selbst dabei fühlen und erleben, scheint niemanden zu interessieren.

  • Die Enttäuschung, in ihrem Wunsch nach einer natürlichen Geburt nicht genug unterstützt worden zu sein

Jede Geburt hat ihre Krisenmomente. Einer Frau zu helfen, diese möglichst aus eigener Kraft zu überwinden, ist die zentrale Aufgabe guter Geburtshilfe. Im Nachhinein haben viele Mütter jedoch das Gefühl, gerade in diesen Momenten größter Schwäche und Verzweiflung nicht emotional unterstützt, sondern stattdessen mit medizinischen Eingriffen überrumpelt worden zu sein. Platzt in der Folge der Traum von einer natürlichen Geburt, fragen sich viele Mütter noch lange: Wäre alles anders gekommen, wenn ich in diesem Moment besser unterstützt worden wäre?

  • Der Schock über die Brutalität mancher geburtshilflicher Maßnahmen

Zieht sich eine natürliche Geburt aus Sicht der Geburtshelfer zu lange hin, wird irgendwann im Kreißsaal nicht mehr lange gefackelt. Kommt in solchen Situationen ein Dammschnitt, eine Saugglocke, eine Geburtszange, der Kristeller Handgriff – häufig auch in Kombination – zum Einsatz, mag das aus Sicht der behandelnden Ärzte ein ganz normaler Vorgang sein, aber für die gebärende Frau fühlt sich das Schneiden, Drücken und Zerren an und in ihrem Körper oft nach brachialer Gewalt an. Vor allem, wenn es ohne Erklärung oder Vorwarnung passiert.

  • die Traurigkeit über einen Kaiserschnitt

Wenn eine natürlich begonnene Geburt unverhofft im Operationssaal endet, fühlen sich viele Frauen um ihr Geburtserlebnis betrogen. Viele Mütter beschreiben, dass sie sich danach in Sachen Geburt geradezu jungfräulich fühlen – so, als könnten sie beim Thema Geburtserfahrung gar nicht richtig mitreden, weil sie ja nicht wirklich geboren haben. Dazu kommt das schlechte Gewissen über die eigene Enttäuschung, schließlich hat der Bauchschnitt ihrem Kind vielleicht das Leben gerettet. Müssten sie da nicht dankbar sein? Tatsächlich ist der Kaiserschnitt eines der wenigen enttäuschenden Geburtserlebnisse, vor denen selbst die einfühlsamsten Geburtshelfer eine Frau manchmal schlicht nicht bewahren können. Doch wissenschaftliche Untersuchungen belegen auch: Mindestens jeder zweite Kaiserschnitt, der heute in Deutschland vorgenommen wird, wäre vermeidbar gewesen, wenn die Frau unter der Geburt besser betreut worden wäre.

Während einige dieser Beispiele für Gewalt in der Geburtshilfe glasklar eine Grenzverletzung darstellen, die unter keinen Umständen zu rechtfertigen ist, gibt es natürlich auch Fälle, bei denen die Grenzen verschwimmen: Wenn ein Kind möglichst schnell auf die Welt geholt werden muss, wenn eine Mutter plötzlich dramatisch abbaut – wie viel Raum und Zeit dann noch für einfühlsame Ankündiungen und Erklärungen geblieben wäre, lässt sich im Nachhinein kaum noch klären. Doch diese wenigen akuten Notsituationen rechtfertigen nicht, dass es in vielen Krankenhäusern schlicht zur Routine gehört, Gebärende nicht aufzuklären, nicht einzubinden, nicht um Erlaubnis zu fragen. Hat eine Frau das Gefühl, unter der Geburt Gewalt erfahren zu haben, kommen dabei außerdem meist mehrere Faktoren zusammen: Den Dammschnitt oder die Saugglockengeburt selbst hätte sie vielleicht noch weggesteckt, aber dabei auch noch grob angefahren oder gar beschimpft zu werden, macht das Gesamterlebnis zu einer traumatischen, gewaltsamen Erfahrung.

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Fotos von J. Weicker

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