Elternschaft, Familie & Leben
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Der Zwergenaufstand – die aufreibende Trotzphase

„Hören Sie auf Ihr Kind zu quälen! Müssen Sie ihn denn ausgerechnet jetzt erziehen?!“

Diese Worte werden achtlos auf mich hinunter gekippt. Ich steh auf dem Bürgersteig in unserem Viertel. 20 Meter von mir entfernt steht mein zorniges Kleinkind und schreit. Das Gefühl für die Zeit ist mir irgendwo zwischen Kindergarten und Softeisladen abhandengekommen. Der Minimann ist übel gelaunt, um es mal ganz positiv zu formulieren. Schon zu Beginn des Tages lässt er seine schlechte Laune an mir aus.

Sein aktuelles Gebrüll wurde von mir ausgelöst – von wem auch sonst. Er schreit, weil ich verweigere ihn zu tragen. Ich Unmensch! Natürlich kann er laufen, sogar rennen, hüpfen und springen. Aber er will nicht und das weiß nun auch jeder im Umkreis von zwei Kilometern. Ich versuche es mit allen Kniffen aus jedem jemals geschriebenen Erziehungsratgeber. Ich rede ihm gut zu: „Nur bis zu dem Schild da vorne, dann nehme ich dich wieder.“ Ich fordere ihn heraus: „Komm wir flitzen bis zur nächsten Ecke, du bist sicher schneller als ich.“ Ich bin verständnisvoll und knie mich zu ihm: „Ich habe verstanden, dass du nicht laufen willst. Doch ich kann dich gerade nicht mehr tragen, du bist so schwer. Komm, nur ein Stückchen, dann trage ich dich wieder!“

Genau so gut könnte ich meine gut gemeinten Worte an den Mops richten, der von der anderen Straßenseite den schreienden Minimenschen beäugt. Wahrscheinlich hätte der Mops sogar mehr Verständnis als mein Sohn. Bei dem Kleinkind scheinen die Worte alles andere als beschwichtigend zu wirken. Ganz im Gegenteil, umso mehr ich rede, umso lauter brüllt er. Kein Angstschluchzen, kein Schmerzweinen, kein Traurigkeitswimmer. Er brüllt vor Wut! Passanten kommen an ihm vorbei und versuchen ihn zum Mitkommen zu bewegen, doch dieses Kind ist stur wie ein Esel. Sie lächeln mir aufmunternd zu, ich lächle entschuldigend zurück.

Dann öffnet sich ein Fenster in einem der Häuser. Den Mann, der nun in das Gebrülle einstimmen wird, kann ich nicht sehen. Hören hingegen kann ihn jeder!

„Hören Sie auf Ihr Kind zu quälen!“

WATSCH

Da stehe ich – in dieser Straße mit den hübschen Gründerzeithäusern, durch die glückliche Familien spazieren, die dem Werbespot für einen umweltfreundlichen SUV zu entspringen scheinen – und werde von gleich zwei Menschen angebrüllt. Die Worte des Mannes tropfen auf mich herab wie das Pech auf die Pechmarie. Sie bleiben an mir kleben. Heften sich an mich wie eine zweite Haut und kriechen in mich hinein. Das schlimmste daran ist, sie lassen mich zweifeln. An meiner Erziehung. An meinem Kind. An mir als Mutter. Vor allem aber an mir.

Mache ich gerade alles falsch? Bin ich meinem kleinen Trotzkopf nicht gewachsen? Hätte ich ihn einfach tragen sollen? Sollte ich seinem Willen nachgeben?

„Müssen Sie ihn denn ausgerechnet jetzt erziehen?!“

Diese zweite Frage reißt mich aus meinem Selbstmitleid und ich werde sauer. Stinksauer. Was bildet sich dieser Mensch ein? Ja klar, es ist großartig, dass er nachsieht warum ein Kleinkind seit Minuten auf dem Bürgersteig herumbrüllt. Aber warum greift er mich an? Was weiß er über mich? Was weiß er von unserem bisherigen Tag?

Nichts!

Er weiß nichts von dem Wutanfall eines Zweijährigen, weil seine Mutter ihm zum Frühstück die Tasse mit dem falschen Muster gegeben hat. Er weiß nichts von dem dichtgefolgten Nervenzusammenbruch, weil ebendiese Mutter Pflaumenmus auf das Brot gestrichen hat, obwohl es sich der Minimensch just in diesem Moment anders überlegt hat und nun lauthals Himbeermarmelade fordert. Er hat keine Ahnung von den endlosen Diskussionen auf dem Weg in die KiTa („Ich will Gummistiefel anziehen!“, „Ich will nicht mit dem Fahrrad fahren!“, „Ich will nicht zu den Kindern!“ …). Er weiß nichts von meinem Beruf, von dem ich heute viel zu spät und mit schlechtem Gewissen zum Kindergarten gehetzt bin. Er weiß nicht, dass ich dieses wütende Kleinkind bis eben noch getragen habe, um pünktlich zum nächsten Treffen zu kommen.

Er weiß das alles nicht und bildet sich ein urteilen zu dürfen??? Entschuldigen Sie, dass meine „Erziehung“ Ihnen gerade den Feierabend verdirbt!

 

Doch vor allem weiß er nicht, was seine achtlos dahingerotzten Worten bei mir anrichten. Als ich endlich mit den Minimann zu Hause ankomme, kann ich die Tränen nicht mehr zurückhalten. Vor allem das Wort „quälen“ hallt in mir nach. Habe ich meinen Sohn gequält, weil ich ihn habe weinen lassen? Beharre ich zu starr auf meiner Meinung? Geht es meinem Kind schlecht, weil ich mich als Mutter gegen ihn behaupten will?

Im Flur hocke ich und höre wie sich der Mini beim Kindsvater beschwert: „Mami war streng!“

Der Kindsvater hakt nach, „was hast du denn gemacht?“

„Ich hab gesteritet!“

„Willst du dich wieder mit Mami vertragen?“

 

Mein kleiner Trotzkopf kommt zu mir gelaufen und hockt sich neben mich.

„Mami, ich bin traurig“, sagt er.

„Warum?“

„Wir haben gestreiten. Ich bin wieder lieb, ja? Eckeschuldigung Mami!“

 

Vielleicht versage ich in der Erziehung ja doch nicht auf ganzer Linie. Die Ausraster in den heimischen vier Wänden kann ich souverän aushalten und schnell im Keim ersticken. In der Öffentlichkeit braucht es mehr Biss.

„In der Trotzphase darfst du keine Angst vor Publikum haben“, rät mir eine erfahrenere Mutter.

 

Angst vor der Bühne habe ich nicht, doch ich hoffe, dass ich in Zukunft weniger ausgebuht werde.

 

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